Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Der  Straßenbau:  Alpenstraßen.

10.  Jahrhundert  begann  sich  der  Straßenban  hier  wieder  ganz  allmählich  zu  regen.  Durch
die  Wallfahrten  nach  bestimmten  Gnadenorten  und  namentlich  durch  die  Pilgerfahrten
und  Kreuzzüge  erlangten  die  Verkehrswege  in  den  Alpenregionen  wieder  eine  größere
Bedeutung.  Außerordentlich  zahlreich  sind  die  an  die  Alpenstraßen  und  an  die  Tiroler
Pässe  sich  anknüpfenden  Erinnerungen.  Auf  diesen  Bergübergängen  zog  eine  große  Zahl
deutscher  Fürsten  nach  Italien;  Pipin  überschritt  die  Alpen,  um  dem  Papst  Stephan  III.
zu  Hilfe  zu  eilen,  Karl  der  Große  brachte  die  Kaiserkrone  mit,  als  er  in  die  Lombardei
eingefallen  war  und  das  Römische  Reich  Deutscher  Nation  begründet  hatte.  In  einem
Dorfe  an  der  Fernstraße  starb  Lothar  der  Sachse,  als  er  nach  Wiederherstellung  des  kaiserlichen ­
  Ansehens  aus  Italien  heimkehrte.  Kaiser  Ludwig  der  Bayer  zog  diesen  Weg,  und
Konradin  schlug  die  gleiche  Straße  ein,  als  er  nach  Neapel  reiste,  um  in  dem  „Lande
der  Sehnsucht"  unter  dem  Beile  sein  Leben  auszuhauchen.  Tausende  jener  Ritter,  die
das  Kreuz  genommen  hatten,  zogen  unter  Bonifaz  von  Montferrat  über  den  Mont  Cenis
und  unter  Balduin  von  Flandern  über  die  Tiroler  Pässe  nach  Venedig.  Jahrhunderte
später  fanden  an  diesen  die  Kämpfe  eines  mutigen  Volkes  gegen  den  gewaltigen  Unterdrücker ­
  der  europäischen  Nationen  statt.
Bis  zum  Beginn  unseres  Jahrhunderts  blieben  die  Alpenstraßen  durchgängig  in
einer  schlechten  Beschaffenheit.  Nur  die  Fernstraße  wurde  schon  im  16.  Jahrhundert  in
fahrbaren  Zustand  versetzt.  Für  die  großen  Armeebewegungen  über  die  Alpen  mußten
ganz  außerordentliche  Hilfsmittel  angewandt  werden.  Im  Mittelalter  wurde  der  Frachtverkehr ­
  fast  ausschließlich  durch  Saumtiere  beschafft.  Es  galt  als  ein  gewagtes  Unternehmen, ­
  die  Alpen  anders  als  mit  Maultieren  oder  Saumrossen  zu  überschreiten.  Die
Unterhaltung  der  Bergpässe  war  sehr  mangelhaft.  Sie  wurde  von  den  Anwohnern
kümmerlich  besorgt  und  geschah  meistens  als  Gegenleistung  für  kaiserliche  Privilegien.
An  den  großen  mittelalterlichen  Hauptstraßen  entwickelte  sich  ein  ganzes  System  von  Geleitsrechten, ­
  Zöllen,  Fürleitrechten,  Wegerechten,  Lad-  und  Abladrechten  und  Suchtenrechten.
In  Graubünden  gelangten  diese  Rechte  in  den  Besitz  von  sogenannten  Portens-Gemeinden,
  welche  das  ausschließliche  Recht  des  Transportes  von  Waren  und  Reisenden
in  Anspruch  nahmen  und  dafür  die  Straßenunterhaltung  besorgten.  Abb.  29  zeigt
eine  Partie  der  von  Thusis  längs  der  Albula  nach  Tiefenkasten  führenden  Kunststraße ­
  dieses  Kantons  und  zwar  die  Solysbrücke  über  die  Albula  am  Schynpaß.
Am  Albulapasse  wurde  im  Jahre  1696  über  dem  Bergünerstein  ein  Stück  Straße
in  den  Felsen  gesprengt,  welche  Arbeit  deshalb  besonders  bemerkenswert  ist,  weil  bei
diesem  Anlasse  zum  erstenmal  das  Pulver  zum  Sprengen  beim  Straßenbau  verwandt ­
  wurde.
Seit  dem  Jahre  1797  wendete  General  Bonaparte  dem  Simplon  seine  ganz  besondere ­
  Aufmerksamkeit  zu.  Die  Ausführung  dieser  ersten  modernen  Kunststraße  über  die
schweizerischen  Bergpässe  wurde  am  7.  September  1800  von  Frankreich,  Italien  und  Wallis
als  gemeinsames  Werk  beschlossen.  Wallis  beteiligte  sich  an  diesem  Unternehmen  durch
die  Übernahme  von  Frondiensten.  Die  Kosten  der  182  km  langen  Strecke  vom  Genfer
See  bis  an  den  Lago  maggiore  wurden  zu  12  116  000  Frank  veranschlagt.  Bereits
im  Jahre  1805  konnte  das  Werk  seiner  Bestimmung  übergeben  werden.  Während  fünf
Sommer  waren  5000  Arbeiter  mit  dem  Bau  beschäftigt,  611  größere  und  kleinere  Brücken
und  525  m  Tunnel  Ivurden  ausgeführt.  Die  Simplonstraße  ist  die  schönste  und  kostbarste
aller  schweizerischen  Alpenstraßen,  und  das  Andenken  ihres  Entwerfers,  des  Divisions-Inspektors
  Ceard,  verdient  erhalten  zu  bleiben.  Der  höchste  Punkt  der  Straße  liegt
2010  m  über  dem  Meere.
Ein  Erfordernis  all  jener  Straßen,  welche  die  Schneeregion  erreichen  oder  Schneestürzen ­
  (Lawinen)  ausgesetzt  sind,  ist  die  Erbauung  von  Galerien.  Diese  Galerien  werden
entweder  in  die  Felsen  gesprengt  oder  gemauert  (Abb.  31),  vielfach  zeigen  dieselben  beide
Bauweisen.  In  gewissen  Abständen  werden  in  der  freiliegenden  Galeriewand  Öffnungen,
Fenster,  hergestellt,  um  dem  Gange  Licht  zuzuführen.  Die  gleiche  Konstruktion  zeigt  die
jährlich  von  Tausenden  Touristen  benutzte,  am  Vierwaldstätter  See  entlang  führende
Axenstraße,  von  welcher  Abb.  30  einen  der  bekanntesten  Teile  wiedergibt.
            
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