Staat und Gesellschaft.
479
— offenbar aus dem gleichen Grunde: die bloße Zivilisation kann nicht
dieselben verbindenden Wirkungen ausüben wie die volle Kultur. Auch
von den internationalen Beziehungen der Wissenschaft ist Ähnliches zu
sagen: sie können sich wohl bis zu einer geistigen Gemeinschaft ver-
dichten, aber diese ist von viel zu dünner und feiner Art gegenüber der
ziefverwurzelten Kulturgemeinschaft und kann sich dem Nationalismus
gegenüber nicht behaupten. Selbst vom Proletariat hat der Weltkrieg
gelehrt, daß es mit seiner Nation und seinem Staat doch enger verwachsen
war als mit den anderen Gruppen des Proletariats, obwohl es mit diesen
nicht nur durch wirtschaftliche Interessen, sondern auch durch ein viel
mehr in die Tiefe gehendes Standesbewußtsein verbunden war. All-
gemein können wir sagen: jene internationalen Beziehungen beruhen
überwiegend nur auf Nüglichkeit und Anpassung, die an sich überhaupt
keine Gemeinschaft schaffen, oder auf einzelnen geistigen Zweckgemein-
samkeiten und Zweckgemeinschaften ohne breitere und tiefere seelische
Grundlage. Gerade aus ihrem Versagen im Weltkriege kann man schon
allgemein schließen, von wieviel tieferer Art die Grundlagen der natio-
aalen und staatlichen Gemeinschaft sind und wie irrig es ist, ihnen in
erster Linie wirtschaftlichen Charakter zuzuschreiben!). Inzwischen
scheint sich erfreulicherweise in den legten Jahren auch auf dem Ge-
bier der internationalen Beziehungen das Gesesg der schöpferi-
schen Entwicklung zur Geltung zu bringen. Es scheint, wie
mehrfach angedeutet, ein neues Bewußtsein der Zusam-
mengehörigkeit und Verbundenheit über die staatlichen und
nationalen, Grenzen hinaus in den Seelen zu erwachen, veranlaßt durch
die tiefgreifenden inneren Wirkungen, die von den großen Umwälzungen
des Weltkrieges ausgegangen sind. Ist so eine veränderte innere Grund-
lage geschaffen, so können auf ihr die vielen, jegt noch in mancher
Richtung erweiterten und vertieften internationalen Beziehungen eine
ganz andere Wirkung tun, als es ihnen vordem möglich war.
1) Nähere Ausführungen dieser Andeutungen bei Max Scheler, Krieg und
Wiederaufbau, S. 43 fg. Seine Erörterungen sind freilich geschrieben vor der an-
scheinend jeüßt einsegenden neuen Phase der Entwicklung.