Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Diesen Appell an die Solidarität haben wir schon bei d’Eich 
thal angetroffen. V i 11 e y gleitet allerdings nur flüchtig darüber 
hinweg, um Trost in dem Gedanken zu suchen, daß die ge 
nossenschaftliche Entwicklung im Grunde keineswegs einen Ver 
zicht auf den Individualismus bedeute. „Die Genossenschaften 
sind nur Vereinigungen von Individuen,“ schreibt er, „sie taugen 
genau das, was die Individuen taugen, aus welchen sie bestehen, 
das Individuum ist das Arbeitspferd (cheville ouvrière) der ge 
sellschaftlichen Ordnung. Darum wird man immer bestrebt 
sein müssen, die menschliche Individualität zu erhöhen“ *). Und 
gerade darin, in der Erziehung der Individuen zu starken Per 
sönlichkeiten, sieht Villey die Aufgabe, die dem Staatsinter 
ventionismus, der sich neben der genossenschaftlichen Entwick 
lung in der Gegenwart vordrängt, gestellt ist 2 ). 
Paul Beauregard, Professor der Nationalökonomie an der 
juristischen Fakultät in Paris, Mitglied der Académie des Sciences 
morales et politiques und Abgeordneter für Paris, hat ein kleines, 
in Studentenkreisen ziemlich verbreitetes Handbuch der National- 
') ibid. p. 740. 
2 ) Villey faßt seine Anschauungen über die Rolle, die dem Staate im 
Wirtschaftsleben zufällt, wie folgt zusammen : „Die Lehre vom Nachtwächter- 
staat und vom laisser faire hat heute kaum mehr Anhänger. Alle Welt versteht, 
daß eine große soziale Anstrengung nötig ist, um aus einem schmerzlichen Zu 
stand sozialen Unbehagens herauszukommen, welcher mit Drohungen für die 
Zukunft schwanger ist. Auch ist die Tätigkeit der leitenden Klassen zu offen 
kundig ungenügend, als daß die Intervention des Staates nicht notwendig er 
scheinen müßte. Aber sie muß vorsichtig und erleuchtet sein; sie darf nicht 
den Anspruch erheben, alles zu regeln und überall die Willkür der Regierung 
an die Stelle der freien Übereinkunft der Individuen zu setzen, einförmige und 
feste Regeln für unendlich wechselnde Situationen aufzustellen. Sie darf den 
Rechtsbegriff, der schon so sehr geschwächt ist, nicht verdunkeln. Sie darf die 
individuelle Voraussicht und die individuelle Energie, welche die grundlegenden 
Bedingungen des menschlichen Fortschrittes sind, nicht zerstören.“ 
„Die Lehre des Vorsehungsstaates ist noch gefährlicher als die des laisser- 
faire: denn sie hat die Tendenz, die Individuen zu trägen und passiven Menschen 
zu machen.“ Darum „muß man dem gleichsam unwiderstehlichen Drang unserer 
Tage zur Ausdehnung der staatlichen Intervention entgegenwirken !... Das 
oberste Ziel des Staates ist, freie, sittliche und energische Individuen zu ent 
wickeln. Die beständige Sorge einer guten Regierung muß sein, den Menschen 
voll zur Geltung zu bringen!“ Villey, Le Socialisme contemporain, p. 150 und: 
Principes d’Economie politique, 3. Ausl. p. 740—41.
	        
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