und die oft nur „casual“, das heisst von Fall zu Fall. Die Erspar-
nisse des einzelnen spielen eine Rolle, an die bei uns nicht mehr zu
denken ist. Auf unsere interessierte Frage an amerikanische Ge-
werkschaftskreise, was denn in einem Lande ohne Altersversiche-
rung aus den alten Leuten werde, erhielten wir wiederholt die fast
stereotype Antwort: ein guter Teil von ihnen habe Ersparnisse,
viele leben bei ihren Kindern, ein grosser Teil sterbe „in den Sielen“,
und nur ein kleiner Teil gehe ins Armenhaus.
Eine grössere Bedeutung kommt der sozialen Arbeit privater
Vereine, Gesellschaften und Selbsthilfevereinigungen zu. Die
Arbeiter selbst — und nicht zuletzt zahlreiche Gewerkschaftsmit-
glieder — sind Mitglieder von Vereinen, sogenannten „Bruder-
schaften‘. Diese Arbeitervereinigungen pflegen, wie bei uns die
konfessionellen Arbeitervereine (jedoch ohne deren agitatorischen
Charakter zu haben) die Geselligkeit. Ausserdem besteht ihre
Funktion in gemeinschaftlicher Hilfeleistung an Mitglieder, die auf
irgendeine Art in Not geraten.
Berühmt ist ferner die über das ganze Land verbreitete Gesell-
schaft „Moose“, die von dem derzeitigen Staatssekretär des
Arbeitsdepartements, Mr. Davis, gegründet wurde, die Waisen-
häuser und andere soziale Einrichtungen unterhält und beitrag-
leistende Mitglieder aus allen Kreisen der amerikanischen Gesell-
schaft hat. Es zeigt sich auch auf diesem Gebiet die echt englische,
schemalose, systemlose Lebendigkeit der organischen Gestaltung,
die Einrichtungen schafft, wie sich von Fall zu Fall die Notwendig-
keit ergibt, und die Probleme anpackt, wie sie aus dem Fluss der
Zeiten auftauchen.
Bei den verhältnismässig hohen Löhnen, die — auch im Landes-
durchschnitt — gezahlt werden, gibt es ausserdem für die staat-
liche Sozialversicherung noch einen weiteren — wenn auch nicht
immer erfreulichen — Ersatz in der privaten Versicherung, der
Arbeiter in viel grösserer Zahl als in irgendeinem anderen Lande
beitreten. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Untersuchung, die der
amerikanische Gewerkschaftsbund über die Beteiligung der Arbeiter
an privaten Versicherungseinrichtungen anstellte,
Die Lebensversicherungsgesellschaften der Union hatten (1924)
einen Geldbestand von 10 Milliarden Dollar angehäuft. Die Zahl
der bei ihnen Versicherten hat sich von 1914 bis 1924 vervierfacht.
Der Gewerkschaftsbund schätzt, dass allein seine Mitglieder pro
Jahr über 100 Millionen Dollar an Lebensversicherungsprämien
zahlen, zumeist in der Form der „Sozial-Policen‘“, auf welche die
Prämie wöchentlich erhoben wird. Der Gewerkschaftsbund hegt die
Absicht, den unverhältnismässigen Gewinn der Versicherungs-
gesellschaften ausschalten zu können durch Schaffung eigener Ver-
sicherungseinrichtungen, gleichfalls auf der Prämiengrundlage.
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