Full text : Weltporto-Reform

XXIII

Wenn  er  auch  nicht  auf  den  ersten  Platz  kam,  der  ihm  gebührte  —
denn  dafür  ist  das  Wissen  oder  Können  nun  einmal  nicht  entscheidend  —
er  fand  doch  seinen  festen  Punkt,  von  dem  aus  er  die  Welt  aus  den  Angeln
heben  konnte.
Denkschrift  über  einen  Allgemeinen  Postverein  wurde  schon  1868  verfasst,  führte  aber
erst  1874  zu  einem  glücklichen  Ergebnis.  Stephan  hatte  dabei  die  Macht  in  Händen,
ohne  die  selbst  die  besten  Gedanken  meist  erfolglos  bleiben.  Arx  Anerkennung  und  Ehrungen
und  Weltruhm  hat  es  ihm  nicht  gefehlt,  doch  so  reale  Zeichen  der  Dankbarkeit,  wie
Hill  sie  erfuhr,  sind  ihm  nie  zuteil  geworden,  obwohl  er  als  Vater  der  Postkarte  und
Gründer  des  Weltpostvereins  sie  mindestens  so  gut  wie  Hill  verdient  hätte.  5687
Millionen  Postkarten  wurden  1907  in  den  Ländern  des  Weltpostvereins  befördert.  Sie
bedeuten  für  die  Briefschreiber  eine  jährliche  Portoers|Darniss  (je  5  C.)  —  im  Vergleich
zum  Briefporto  (10  0.)  von  etw r a  230  Millionen  Franken  und  für  die  Postverwaltungen
eine  gleich  hohe  Einnahme.
Samuel  Morse  (1791—1872),  ein  amerikanischer  Maler,  der  Erfinder  des  genial
einfachen  Morse-Telegraphen,  wurde  dagegen  1857  auf  Anregung  Napoleons  III.  von
10  Ländern  gemeinsam  für  seine  Verdienste  mit  einer  Dotation  von  400  000  Franken
bedacht,  da  seine  Apparate  in  Euroxm  nicht  patentiert  waren.
Der  dänische  Postreformer  Michaelsen,  der  schon  1859  einen  internationalen
Postverein  anregte,  wurde  1881  vom  dänischen  Reichstag  mit  einer  Jahresdotation  von
1500,  später  2400  Kronen  —  neben  der  Pension  —  geehrt.
Der  Oesterreicher  Emanuel  Herr  mann,  der  Anfang  1869  in  Wien  in  einem
Zeitungsartikel  die  Idee  der  Postkarte  von  neuem  entwickelte  —  allerdings  zunächst
mit  einer  Beschränkung  auf  20  Worte  —  drang  schon  im  Spätherbst  1869  damit  in
Oesterreich  durch,  und  25  Jahre  später  haben  Philatelisten  eine  internationale  Sübkription
  zu  einer  Ehrengabe  für  ihn  eröffnet,  die  aber  nur  —  807  Mark  ergab  und  von
ihm  zur  Anfertigung  eines  für  die  OÖffentlichkeit  bestimmten  Bildnisses  vom  Generalpostdirektor ­
  Frh.  v.  Maly  verwandt  wurde,  der  die  Postkarte  in  Oesterreich  einführte.
Der  Erfinder  des  Kartenbriefs,  dieser  immerhin  recht  beachtenswerten  und
praktischen  Briefabart  oder  Postkartenkombination,  Dr.  Carl  Akin,  ein  Ungar,  erfuhr
lange  Jahre  hindurch  eine  völlige  Nichtbeachtung  seiner  Anregung  und,  hat  sich
schliesslich  1893  mittellos  und  im  Elend  zu  Fiume  mit  Cyankali  vergiftet.
Graf  Zeppelin,  der  Erfinder  des  lenkbaren  Luftschiffes,  hat  es  wohl  erlebt,
dass  ihm  die  Reichsregierung  mit  2150  000  Mark  seine  Aufwendungen  vergütete  und
seine  Modelle  abkauffce,  und  nach  seinem  Unfall  zu  Echterdingen  im  Sommer  1908
ist  ihm  durch  öffentliche  Sammlungen  die  unerhörte  Summe  von  6  Millionen  Mark  zugeflossen, ­
  aber  man  darf  nicht  vergessen,  dass  das  alles  erst  geschah,  nachdem  er
15-20  Jahre  allein  dagestanden,  fast  sein  ganzes  Vermögen  aufgebraucht,  alle  Bitternisse
und  Verzweiflungen  des  Erfinders  durchgekostet  hatte  und  sich  nun  endlich  durch
eigene  Kraft,  ein  Siebziger  an  Jahren,  schon  zu  nachgewdesenem  Erfolg  und  Sieg
durchgerungen  hatte.  Da  aber  heisst  es  ohnehin  stets:  Donec  eris  felix,  multos
numerabis  amicos.  Doch  Zeppelin  ging  es  noch  vortrefflich  im  Vergleich  mit  Ganswindt,
  der  schon  1883  ein  lenkbares  Luftschiff  von  150  m  Länge  und  15  m  Durchmesser
für  100  PS,  mit  14—15  m  Geschwindigkeit  in  der  Sekunde  entwarf  (in  einer  Broschüre
dargestellt).  Aber  das  preussische  Kriegsministerium  schrieb  ihm  1884  am  22.  Dezember
auf  seine  Eingabe,  eine  so  „schrankenlose“  Vergrösserung  des  Aerostaten  zur  Beseitigung ­
  des  Missverhältnisses  zwischen  Gewicht  und  Leistungsfähigkeit  des  Motors  schlösse
die  praktische  Verwertung  „wenigstens  für  militärische  Zwecke“  aus  und  solche  Längen
des  Ballons  „gingen  weit  über  das  militärische  Bedürfnis  hinaus“.  Heute  denkt  man
anders  (vgl.  Kürschners  Jahrbuch  1909,  S.  774).  Armer  Erfinder,  der  seiner  Zeit  zu  sehr
voraus  war!
Rowland.  Hill  dagegen  erfuhr  schon  von  Anfang  an  und  —  seltsam!  —  schon
in  der  Zeit,  wo  es  am  nötigsten  war,  die  tatkräftige  Hilfe  des  englischen  Volkes.  Auch
gegenwärtige  Postreformer  können  sich  in  England  nicht  beklagen.  Der  Abgeordnete
der  Stadt  Canterbury,  Henniker  Heaton,  der  1898  die  Einführung  des  Pennyportos
            
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