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führen muß, da die gewöhnliche Sprache keinen anderen mir be-
kannten Ausdruck für das besitzt, was hier ausgedrückt werden soll:
Qualifikation ist der Ausdruck der gesellschaftlichen
Bewertung von Produzenten, gemessen an ihrem Ein-
kommen (geradeso wie „Qualität“ der Ausdruck der gesellschaft-
lichen Bewertung von Gütern ist, gemessen an ihrem Preise). Wer
für seine „zusätzliche Arbeit“, werde sie nun als Gut oder als Dienst
produziert, ein höheres Einkommen erzielt, ist höher qualifiziert als
jemand, der ein geringeres Einkommen erzielt, und zwar — in der
Statik — genau im Verhältnis zu der Verschiedenheit der Ein-
kommen. Die Qualifikationsstufen verhalten sich wie
die Einkommenverschiedenheiten: wir können die
Qualifikation verschiedener Produzenten an nichts anderem, als ihrem
Einkommen messend vergleichen.
Das ist meine Definition. Und ich behaupte bis zum Be-
weise des Gegenteils, daß es auch einem Manne von dem Scharf-
sinn meines Herrn Gegners nicht gelingen wird, eine andere
Definition zu finden, die der logischen Forderung entspricht, sämt-
liche Tatsachen des Gebietes, und nur sie, zu decken.
Worum handelt es sich? Um die Tatsache, daß eine Anzahl
von Produzenten aus persönlichen Gründen (also abgesehen von
den durch Monopole verursachten Verschiedenheiten) ein höheres
(beziehungsweise geringeres) Einkommen beziehen als andere. Und
diese Tatsachen sind überaus vielgestaltig und zum Teil sehr merk-
würdig: ein Boxerchampion z. B. hat heutzutage das hundertfache
Einkommen eines berühmten Gelehrten, und die allergrößten Ge-
lehrten und Künstler haben zuweilen überhaupt kein Einkommen
von den Produkten ihres Genies! Oder eine tugendhafte Nähterin
nagt am Hungertuche, während eine leichtfertige Schöne im Über-
fluß schwelgt! Unzweifelhaft korrespondieren diese Verschieden-
heiten des Einkommens mit gewissen Verschiedenheiten der per-
sönlichen „Fähigkeiten“. Ich behaupte, daß nur meine Definition
auch alle -diese seltsamen Tatbestände deckt.
Aber ich will mich tiefer einlassen. Ich bin mir vollkommen
klar darüber, daß meine Definition etwas sehr Unbefriedigendes hat.
Es verlangt uns, zu wissen, auf welchen Gründen jene seltsamen
Tatsachen der Bewertung durch die Gesellschaft beruhen, Indem
ich diesem Gegenstande nachgehe, werde ich auch noch die letzte
Aufgabe zu lösen versuchen, die die Kritik sich stellen kann:
nämlich den psychologischen Quellpunkt des gegnerischen Irrtums