Object: Die russische Weltanschauung

Gegensatz zur „Ich-Philosophie“ des Westens. Wollten wir die von 
Spengler neuerdings eingeführten Begriffe benutzen, so könnten wir 
sagen, daß die russische Weltanschauung eine „magische“ ist (als sich 
stützend auf eine Wahrnehmung der realen Präsenz eines Allgemein- 
geistes in der Gemeinschaft), im Gegensatze zu der „faustischen“ 
Weltanschauung des Westens; und das würde damit stimmen, daß 
diese Weltanschauung durch das russische kirchliche Bewußtsein be- 
gründet ist, die russische, griechisch - orthodoxe Kirche aber, nach 
Spenglers Terminologie, aus der so von ihm genannten „arabischen“ 
oder „magischen“ Kultur stammt. Diese „Sobornost“, die „Wir-An- 
schauung‘“, diese organische Einheit der menschlichen Gemeinschaft, 
bildet, wie schon gesagt, die Grundlage des russischen Kirchenge- 
dankens, wie ihn theoretisch so glänzend und tief der geniale russische 
Theologe Chomjakow entwickelt hat. Die Kirche ist hier im primären 
Sinne keine äußere Organisation, keine Anstalt, die durch Autorität, 
geistigen Zwang und Disziplin die Gläubigen zusammenhält, keine 
Einheit, die in irgend einer einzelnen menschlichen Macht oder In- 
stanz verkörpert werden kann, wie im Katholizismus, sondern eben 
die ursprüngliche, lebendige, innere Geisteseinheit aller Gläubigen, 
sozusagen das eine göttliche Blut, das in ihnen allen und durch sie 
alle zirkuliert. Sie ist aber andererseits auch etwas ganz anderes und 
viel Realeres als nur die Gemeinschaft oder die Gesamtheit der Gläu- 
bigen, wie im Protestantismus, denn sie ist eben ein reales geistiges 
Wesen, die überzeitliche und allumfassende Realität des mystischen 
Körpers Christi, ohne Anteilnahme an dem es kein Heil, keine reli- 
giöse Nahrung für die Persönlichkeit gibt. Deswegen durfte Chom- 
jakow sagen, daß der Griechisch-orthodoxe die volle individuelle 
Freiheit und religiöse Innerlichkeit des Protestantismus besitzt und 
außerdem noch die lebendige Einheit der Kirche, weil eben beides, 
Universalismus und Individualismus, sich nicht gegenseitig ausschließt 
oder begrenzt, sondern innerlich zusammenfällt und sich gegenseitig 
stützt. 
Es ist auch klar, daß diese organische Weltanschauung im Gebiete 
des politischen und sozialen Lebens niemals mit einem Kollektivismus 
zusammenfallen oder zu ihm führen kann, sondern eigentlich, trotz 
der scheinbaren Ähnlichkeit, den diamentralen Gegensatz zu ihm 
bildet. Denn der sozialpolitische Kollektivismus (Sozialismus oder 
Kommunismus) beruht, trotz seines Gegensatzes gegen den Liberalis- 
mus und Individualismus, philosophisch auf der mechanisch-atomisti- 
schen Auffassung der Gesellschaft. 
Die Einzelmenschen sind für ihn eben Atome, die von selbst durch 
ihre spontanen Kräfte und Eigenschaften, nur gegeneinander an- 
prallen und auseinanderfahren können, und eben darauf beruht der 
Gedanken, daß eine Ordnung in das Ganze zu bringen, oder besser 
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