360 4. Buch. V. Teil. Die Steuern:
können, welche auf die Leistungsfähigkeit mehrend oder mindernd,
stärkend oder schwächend Einfluß ausüben, während andere Steuern
bloß die präsumtiven, putativen, durchschnittlichen Steuerkräfte
zur Basis nehmen, infolgedessen also gegenüber den wirklichen
Steuerkräften große Disparitäten aufweisen können; f) infolge jener
Eigenschaft, daß die Einkommensteuer sich enge an das Einkommen
hält, besitzt dieselbe große Elastizität und wird nicht so drückend
empfunden, wie in gewissen Fällen die steifen, immobilen KErtrags-
steuern; g) sie hat den Vorteil, mit dem Steigen oder Fallen des
Nationaleinkommens automatisch zu steigen oder zu fallen; h) die
Einkommensteuer fällt namentlich auf die großen und mittleren
Einkommen und bildet demgemäß ein Gegengewicht gegen die
Verzehrungssteuern, welche mehr die unteren Klassen drücken;
i) als Ergänzungssteuer mildert sie in ausgleichender Weise die
durch die anderen Steuern verursachten Ungleichheiten; k) sie
bildet eine Reservesteuer in Zeiten schwerer Bedrängnis und
großer Bedürfnisse, in welchen Zeiten der Staat mittels derselben
ohne große Unzukömmlichkeiten außerordentliche Bedürfnisse zu
befriedigen vermag, wie dies in England seit lange und zuletzt
wieder im Weltkriege geschah.
3. Kritik der Einkommensteuer. Der größte Einwurf, der
gegen die Einkommensteuer erhoben wird, besteht darin, daß dieselbe
ohne empfindliche Einmischung in die privaten Verhältnisse der
Individuen kaum durchzuführen, beziehungsweise zu sichern ist.
Die Steuersubjekte sind genötigt, Einblick in ihre diskretesten Ver-
hältnisse zu bieten und sind stets der Versuchung ausgesetzt, falsche
Fassionen zu geben. Die verschiedene Gewissenhaftigkeit der
Steuerbekenntnisse führt zu großen Ungleichheiten; während z. B.
die Größe der fixen Bezüge und Gehälter bis auf den Heller be-
kannt ist, sind dagegen andere Einkommen nur schwer zu eruieren.
Die hieraus sich ergebende ungleiche Verteilung der Steuerlast
kann in der Tat zur Folge haben, was als eine Gefahr der Kin-
kommensteuer hingestellt wird, daß sie zur Steuer der Naiven und
Ehrlichen wird, den Schlauen und Unehrlichen dagegen eine Prämie
geboten wird. Die Einkommensteuer würde demnach demoralisierend
wirken. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese Gefahren bestehen,
woraus folgt, daß die Einkommensteuer bloß bei bereits erstarktem
staatlichen Selbstbewußtsein, größerer Wohlhabenheit, verhältnis-
mäßig milder Besteuerung und präzis wirkender Steuerverwaltung
durchführbar ist. Auch unter solchen Verhältnissen werden sich
im Anfang die bezeichneten Übel einstellen, mit der Zeit aber
werden sie, wie die Erfahrung zeigt, sich auf ein rationelles
Minimum reduzieren.
AR