Object: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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beschäftigt sind und ihre Kinder gewohnheitsgemäss der gleichen Thätig- 
keit zuweisen. Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, dass es sehr 
kostspielig und schwierig ist, in einer rein agrarischen Gegend einen 
neuen Industriezweig ins Leben zu rufen. Trotz der geringen Löhne, 
welche die Leute pıo Tag erhalten, wird ihre Arbeit durch ihre Unzu- 
länglichkeit teurer als in anderen Gegenden, wo die Bevölkerung bereits 
eingewöhnt und angelernt ist. Daher ist es unter unseren Verhält- 
nıssen so schwierig und trotz aller Bemühungen der Regierung bisher 
nicht möglich gewesen, in den östlichen Provinzen Preussens eine 
Industrie grosszuziehen, die für die ganzen Gegenden von ausser- 
ordentlicher Bedeutung wäre. 
In zweiter Linie kommt heutigen Tages billiges Brennmaterial, 
also Nähe oder leichte Zugänglichkeit von Kohlenlagern, dann Wasser- 
kraft etc. in Betracht, während auf das sonstige Rohmaterial im All- 
gemeinen nicht. mehr viel Rücksicht genommen zu werden braucht, 
wenn auch Ausnahmen davon vorkommen. Eine Parquetfabrik wird 
nur in der Nähe von Wäldern am Platze sein, Hochöfen nur in der 
Nähe der Bergwerke; Ziegeleien, wo "Chonlager vorhanden sind. 
Aber schon Porzellanfabriken beziehen das Kaolin aus grosser Ent- 
fernung, in Magdeburg und Berlin aus der Hallenser Gegend, aber 
ergänzende Erden dazu aus Schweden. Maschinenbauanstalten nehmen 
keine Rücksicht auf die Entfernung, aus der sie das Eisen zu beziehen 
haben. Sie allerdings schliessen sich dem Absatze an, indem sie sich 
an die Fabriken angliedern, welche gerade ihre Produkte gebrauchen; 
wie in einer Fabrikstadt, wo die Textilindustrie heimisch ist, sich zuerst 
Maschinenbauanstalten niederlassen, um Reparaturen an den Spinn- 
and Webmaschinen etc. vorzunehmen, dann allmählich auf Grund eigener 
Verbesserungen selbständig Maschinen zu bauen beginnen, welche die 
Industrie gebraucht. 
Ausserdem wird die Konzentration der gleichen Gewerbe an den- 
selben Orten allerdings auch durch erleichterten Absatz begünstigt, 
indem naturgemäss die Handlungshäuser, deren Waren dort produ- 
ziert werden, ihre Reisenden dorthin schicken, wo die Waren von ver- 
schiedenen Fabriken hergestellt werden, also auf eine grosse Auswahl ge- 
rechnet wird, und ohne viel Zeitverlust der Bedarf gedeckt werden kann; 
dann wo zugleich die nötige Konkurrenz obwaltet, um sie vor Ueber- 
beuerung zu schützen. Schliesslich ist zu erwähnen, dass in solchen 
spezialisierten Fabrikorten sich, wie bereits angedeutet, die ergänzenden 
Industriezweige ankristallisieren, wodurch der Betrieb nicht unwesentlich 
verbilligt wird, vor allem die erwähnten Maschinenbauanstalten, 
wodurch ohne Zeitverlust durch Transport an Ort und Stelle schnell 
and billig ein entstandener Schaden ausgeglichen und Arbeitsstockung 
vermieden wird. Ebenso erfolgen bald die Anlagen für Verpackungs- 
mittel, wie Werkstätten für Holz, Blech-, oder Zinkkisten etec., Kar- 
tonagefabrikation, wie die Gründung von Bankgeschäften, um dem 
Kreditbedürfnis entgegenzukommen. Wo aber alle solche Einrichtungen 
vorhanden sind, werden der Ansiedlung gleichartiger Unternehmungen 
hervorragende Vorteile geboten. 
Aus dem Gesagten geht hervor, dass es durchaus nicht immer 
die natürlichen Produktionsbedingungen sind, welche an einzelnen Brenn- 
punkten bestimmte Industriezweige im Grossen aufblühen lassen, sondern
	        
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