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Zweiundzwanzigstes Buch.
auf Verstandesfunktionen zurückgeführt wurden, lag es nahe,
die einzelnen psychischen Erscheinungen als besondere Ver—
mögen der Seele auf diejenigen Begriffe zu reduzieren, in
denen das logische Urteil über psychische Vorgänge nieder—
gelegt war. So konnte man für besonders mutvolle Hand⸗
lungen ein Vermögen des Mutes, für sittliche Handlungen
iberhaupt ein sittliches Vermögen, für die Sprache ein Sprach⸗
—
Habsuchts- oder Eitelkeitsvermögen annehmen usw. Eine Ver—
mögenspsychologie von verwirrender Fülle der möglichen Unter—
teilungen entstand auf diese Art; lokalisierte man die von
ihr behaupteten Tatsachen an besonderen Stellen des Hirns,
so ergab sich in der Phrenologie ihre späteste und äußerlichste
Ausbildung.
Das eingehendste System der Vermögensphilosophie hat
Lhristian Wolff aufgestellt, am Ausgange jenes individualistischen
Zeitalters, dessen Charakter dieses ganze System entsprach.
Metaphysisch nicht so sehr auf Leibniz als auf Descartes ge⸗—
stützt, entwickelte er den gesamten psychologischen Inhalt rein
deduktiv aus dem bloßen Denken. Zwar verschmähte er neben⸗
her nicht die Nachprüfung in der Erfahrung dahin, ob die
rational erschlossenen Vermögen denn auch in der Wirklichkeit
der seelischen Erscheinungen zu finden seien. Aber diese Nach—
prüfung diente ihm im wesentlichen nur dazu, solche Vorgänge
des Seelenlebens, die sich auf den ersten Blick dem System
nicht zu fügen schienen, intellektualistisch zu deuten. So be—
ruhen z. B. die bildenden Künste nach ihm auf einem Spiel
der Ideen, das vom Satze des zureichenden Grundes beherrscht
wird; so war weiterhin nach ihm Lust die Erkenntnis einer
Vollkommenheit, Unlust die einer Unvollkommenheit; und dem—
gemäß Liebe die Erkenntnis dessen, was uns gefällt, an
anderen; ferner war ihm Leid die Erkenntnis der Tatsache,
daß ein Mensch seines Glückes nicht würdig sei usp. Auch
die Willenshandlungen leitete Wolff dabei nach seiner Art in
leichtester Weise aus der Vorstellungstätigkeit ab; so erschien
ym der Wille selbst als eine vernünftige Begierde, eine ver—