65
dessen Volksdichte auf den qkm 100, im Gebiet westlich der Weichsel
sogar 130 Seelen übersteigt, ist Polen auch heute noch derjenige Teil
Rußlands, der die stärkste Zunahme aufweist. Die Bevölkerung stieg
in den 10 polnischen, dem Generalgouvernement in Warschau unter
stehenden Provinzen im Zeitraum von 1905 bis 1910 um 1 354 000, in
den zwei folgenden Jahren um 647 000 Seelen, so daß von 1905 bis 1912
allein ein Zuwachs von 2 Millionen festzustellen ist. Nichts zeigt die
Zurücksetzung der polnischen Gouvernements besser als ein Vergleich mit
den ausländischen Nachbarprovinzen. Denn wenn auch die Provinzen
Warschau (4,38 km Eisenbahn auf 100 qkm), Piotrkow (4 km), Sjedlez
(3,46 km) neben dem angrenzenden Grodno (3,50 km) verhältnismäßig
Zu den räumlich am besten mit Eisenbahnen ausgestatteten Bezirken
gehören, so besagen diese Zahlen wenig zu den der anstoßenden preußi
schen Provinzen. Kamen doch in Ostpreußen Ende März 1913 auf
100 qkm Eläche 10,18, in Westpreußen 11,46 und in dem überwiegend
von Polen bewohnten Posen sogar 12,47 km Eisenbahnen. Mit Aus
nahme von Piotrkow liegen die genannten polnischen Provinzen in der
wichtigen Verteidigungssphäre. Bei den Provinzen, die außerhalb dieser
Zone liegen, sinken die entsprechenden Zahlen an der österreichischen
Grenze auf 1,90 km (Radom) und 1,47 km (Lublin) herab, ja an der
preußischen auf 0,71 (Kalisch) und 0,58 km (Plozk) 1 ). Damit steht
Plozk tiefer als das ausgedehnte, 35 mal größere Gouvernement Perm,
das geographisch schon teilweise zu Asien gehört. Noch schärfer wird
die Bahnpolitik durch eine Gegenüberstellung des Bahnnetzes zur Volks
zahl beleuchtet. Während in Posen auf 100 000 Einwohner 169,2, in
Westpreußen 169,5 und in Ostpreußen 181,4 km Eisenbahnen kommen,
sind die entsprechenden Zahlen für Warschau 30,8, Kielzi 26,5, Piotrkow
25,3, Radom 21,7, Lublin 16, Plozk 7,8 und Kalisch 7,1 km. In Rußland
hat nur ein einziges Gouvernement, das östliche Kasan, noch niedrigere
Zahlen als Kalisch. Das nur 35 W von der ostpreußischen Grenze ent
fernte Lomsha und das 73 W von der westpreußischen Grenze weichsel-
aufwärts gelegene Plozk sind Provinzhauptstädte und Mittelstädte, die
noch vor dem Kriege der Bahn entbehrten. Heute haben noch 42 Kreis
städte, somit genau die Hälfte sämtlicher russisch-polnischer Kreisorte,
keine Bahnverbindung. Von den 426 polnischen Städten überhaupt
liegen nur 120 an einer Eisenbahn 1 2 ). Bahnlos sind noch Orte wie
Pultusk, Kalwarija, Mariampol, Tomaschow, Ozorkow, Lentschiza,
Alexandrow (bei Lods), Sandomjr, Konin, Kolo u. a. 25 Kreise werden
von keinem km Eisenbahn berührt. —-
Ein nicht kleiner Teil des russischen Bahnnetzes ist zweigeleisig
ausgebaut. Nur wenige europäische Staaten haben verhältnismäßig
1 ) Auch das dem preußischen Litauen benachbarte Gouvernement Kowno
ist in ähnlicher Weise benachteiligt (1,41 km Eisenbahn auf 100 qkm).
2 ) Vgl. S. 94 u. 95.
Tuckermann, Verkehrsgeographie. 5