Full text: Die Handelspolitik und Handelsbilanz Österreich-Ungarns

ländische Fabrikation von Teerfarben hervorgerufen. Ob es sich 
um Zollerhöhungen auf landwirtschaftliche oder industrielle Pro 
dukte handelt, immer muß über ihre Berechtigung danach ent 
schieden werden, welche Bedeutung der höhere Zollschutz für 
die Entwicklung der heimischen Produktion hat. 
Es ist versucht worden, Zölle, die bloß Verschiebungen des 
Einkommens verursachen, durch den Hinweis darauf zu recht- 
fertigen, daß die Konsumfähigkeit der geschützten Interessen 
gruppen erhöht werde, was den anderen Produktionszweigen 
zum Vorteil gereiche. Dies ist aber offenbar ein Fehlschluß. Wenn 
durch einen Zoll nur Einkommen von einem Teil der Bevölkerung 
auf einen anderen übertragen wird, nimmt die Konsumfähigkeit 
des dadurch belasteten Teiles um ebensoviel ab, als die des be 
günstigten zunimmt. So kommt es, daß zu einer Zeit, in der 
das Einkommen bestimmter Gruppen der landwirtschaftlichen Be 
völkerung infolge der erhöhten Preise ihrer Produkte größer ge 
worden ist, der Absatz der industriellen Waren stagniert, weil 
die Kaufkraft der übrigen Bevölkerung für diese Waren wegen 
der höheren Kosten der Nahrungsmittel gesunken ist. 
Wenn der Standpunkt, daß für die Lösung der Zollfragen 
die Rücksicht auf die Entwicklung der heimischen Produktion 
maßgebend sein muß, verlassen wird, steht man uferlosen Forde 
rungen der Interessenten nach Zollerhöhungen gegenüber. Aller 
dings sind, wie in der Politik überhaupt, auch in der Handels 
politik Kompromisse notwendig und die Machtverhältnisse aus 
schlaggebend, aber es handelt sich ja gerade darum, den über 
wiegenden Interessen der Gesamtheit Rechnung zu tragen, wobei 
man sich auf diese Interessen stützen kann. Nur kommt 
es oft vor, daß sich auch wichtige Interessen nicht rechtzeitig 
geltend machen, wie bis vor wenigen Jahren in den kontinentalen 
Staaten die der Konsumenten, die dann nachträglich allenthalben 
in bedenklicher Weise und unter den traurigsten Nebenerschei 
nungen in Bewegung gerieten. Gerade um heftige Rückschläge 
gegen den rationellen Schutz der heimischen Produktion zu ver 
meiden, muß daran festgehalten werden, daß die Zoll- und Handels 
politik sich nicht in der Linie des jeweils geringsten Widerstandes, 
sondern in der Linie der überwiegenden Interessen der Gesamt 
heit, der öffentlichen und staatlichen Interessen, bewegen soll.
	        
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