246 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
klarer, kalter Beleuchtung. Und so wird denn dem Dichter
sein Wirken zur bloßen Handhabe, lehrhaften oder ergötzlichen
Inhalt eindringlich vorzutragen, und ganz hält er es mit dem
horazischen Aut prodesse volunt aut delectare poetas.
Daher wird ihm verständige und ruhig geordnete Anlage
der Form zum höchsten Ideal der Dichtung: dahin zielen seine
einfachen Versmaße, seine gleichmäßig trottenden Alexandriner,
seine Pedanterie für die Bildung und Stellung der Wörter. Inner—
halb dieser Grenzen aber war er ungemein fruchtbar. Er hat
die erste deutsche Oper geschrieben, er hat das Epos und das
Drama, das Lehrgedicht und den Panegyrikus, er hat alle Arten
fast der Lyrik gepflegt. Aber in seinem Epos folgte er nicht
der Äneide Vergils als Vorbild, sondern den Bukoliken; seine
Lobgedichte sind von den schwülstigen Poeten der römischen
Kaiserzeit inspiriert; und da, wo er ein schöpferisch ursprüng⸗
liches Pathos nachzuahmen sucht, wie 3. B. in seinen Be—
arbeitungen von Psalmen, tritt das Schwerfällige, Prosaische,
Philister⸗ und Lehrhafte, Platte und Verstandesmäßige seiner
Dichtung grell hervor. Gleichwohl gelingt ihm in der Lyrik,
sieht man von der höchsten Gattung, dem Liebeslied, ab, manch
graziöser Vers voll frischen, heitren und innigen Empfindens;
und in den geistlichen Gedichten erhebt er sich auch zum warmen
Tone kirchlich-vaterländischer Begeisterung:
Verknüpfe mit des Friedens Bande
Der armen Kirchen schwache Schar:
Nimm weg von unserm Vaterlande
Verfolgung, Trübsal und Gefahr!
vaß uns ruhig bleiben,
Unsern Lauf zu treiben
Diese kleine Zeit,
Bis du uns wirst bringen,
Wo man dir soll singen
Lob in Ewigkeit!
Opitz hat, eben indem er nur der „Kunst gelehrter Saiten“
lebte, indem er als Dichter nur der Illustrator seiner Lehren
war und nicht mehr, diesen Lehren, wie sie die Renaissancever⸗
suche der Vergangenheit und Gegenwart in sich abschlossen, durch