Die Freiheitskriege: 1809, 1815.
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und aller Abhängigkeit durchaus unfähiges Selbst wiederum
gewinnen können.“ Aber indem er so in diesem Augenblicke
auf jede äußere politische Einheit verzichtete, war er doch
weit davon entfernt, Resignation überhaupt zu predigen.
„Ich setze voraus solche deutsche Zuhörer, welche nicht eben
mt allem, was sie sind, rein aufgehen in dem Gefühle des
Schmerzes über den erlittenen Verlust, und in diesem Schmerze
sich wohlgefallen und an ihrer Untröstlichkeit sich weiden und
durch dieses Gefühl sich abzufinden gedenken mit der an sie
ergehenden Aufforderung zur Tat; sondern solche, die selbst über
diesem gerechten Schmerze · zu klarer Besonnenheit sich schon er—
hoben haben oder wenigstens fähig sind, sich dazu zu erheben.“
Diesen im Schmerze Tatkräftigen aber zeigt der Philosoph ein
erstes und letztes erhabenes Ziel ihrer Deutschheit: die Er⸗
ziehung ihrer selbst Iad vor allem des kommenden Geschlechts
zu eben dieser Deutschheit. „Der ausländische Genius wird
die betretenen Heerbahnen des Altertums mit Blumen be—⸗
streuen und der Lebensweisheit, die leicht ihm für Philosophie
gelten wird, ein zierliches Gewand weben; dagegen wird der
deutsche Geist neue Schachte eröffnen und Licht und Tag ein⸗
führen in die Abgründe, und Felsmassen von Gedanken
schleudern, aus denen die künftigen Zeitalter sich Wohnungen
bauen.“
Wie aber vermag dieses Ziel erreicht zu werden? Nicht durch
den Staat. „Der Staat als bloßes Regiment ... ist nichts
Erstes und für sich selbst Seiendes, sondern bloß das Mittel
für den Zweck der ewig gleichmäßig fortgehenden Ausbildung
des rein Menschlichen in der RNation; ... die Liebe dieser
ewigen Fortbildung ist es, welche immerfort auch in ruhigen
Zeitläuften die höhere Aufsicht über die Staatsverwaltung
führen soll und welche, wo die Selbständigkeit des Volkes in
Gefahr ist, allein dieselbe zu retten vermag.“ Diese Liebe
aber, die gereinigte Vaterlandsliebe, nicht mehr die „heroische
Schwachheit“ Lessings, sondern eine an den ewigen Idealen
des rein Menschlichen geschulte, eine kosmopolitisch orientierte
Vaterlandsliebe: sie soll sich dermalen und weiter immer mehr