29)] Schwankungen bei zunehmender örtlicher Arbeitsteilung. 471
dem wechselnden Glück im diplomatischen Spiel der Verträge, der Annexionen, der
Kolonieerwerbungen bald übermäßige Hoffnungen, bald große Enttäuschungen. Dem
größten Auffchwung des Exportes folgte Stillstand oder Rückgang für Jahre. Wir
führen als Beispiel nur einige Schwankungen aus dem englisch⸗amerikanischen Handel
an. Der großbritannische Export nach den Vereinigten Staaten nahm 1832 —1886
von 5,4 auf 12,4 Mill. 4M zu, sank dann wieder 1837 auf 4,7 Mill.; er war 1857
auf 19 Mill. gestiegen; sank 1858 auf 14 Mill.; er war 1864 16,7 Mill., 1866
28,5 Mill., 1870 28,8 Mill., 1872 40,7 Mill., 1878 aber wieder nur 14,6 Mill.;
das sind ungeheure Wechsel innerhalb weniger Jahre: 1872 etwa 800 Mill. Mk.,
1878 292 Mill. Mk.! Es ist leicht verständlich, wie man deshalb eine Ursache fürs
Banze nehmend, die modernen Krisen durch die Ausbildung des Weltmarktes erklären
konnte (Brentano).
Neben die früher eigentlich allein vorhandene Industriewarenkonkurrenz stellte sich
die agrarische Konkurrenz und revolutionierte alle bisherigen Absatzverhältnisse. Die
reichen Ackerbaustaaten der extensiven Kultur dehnten aufs rascheste ihren Ackerbau und
ihre Viehzucht aus, wurden dabei reich, aber häufig war ihre Vorwärtsbewegung so
überstürzt, daß große Rückschläge im Export kommen mußten. In den alten europäischen
Staaten mit hohen Bodenpreisen und erheblicher Verschuldung entstand mit dem Sinken
der Rohproduktenpreise ein großer chronischer Notstand. Die Weizen- und Roggenpreise,
1847 — 1870 — 100 gesetzt, standen 1886 in Hamburg auf 53 — 54. Die Tonne
Weizen kostete in England 1800 -1870 289 Mk., 1888 145 Mk., 1896 128 Mk.
Und noch sind wir mitten in den ungeheueren Peripetien dieses Umschwunges be—
griffen; einzelne Länder produzieren heute die Hälfte und mehr fürs Ausland; noch ist
nicht sicher, wie weit die anderen auf dieser Bahn ihnen folgen müssen. Noch find
nirgends auch nur entfernt die Grenzen erreicht, die einen Abschluß der Bewegung
andeuten; die Weltwirtschaft ist heute ein halb fertiges Gebäude, über das niemand
noch einen ganz klaren Überblick hat. Nirgends können die Absatzverhältnifse als
dauernd gesicherte betrachtet werden. Und dieser Umschwung vollzog sich im Zusammen—
hang mit einer Revolution der Technik, des Verkehrs, der gesamten volkswirtschaftlichen
Finrichtungen ohnegleichen. Es fragte sich für jedes Kulturland, wie rasch es die
Anderungen nach dem Stand seiner persönlichen und Kapitalkräfte vollziehen könne, wie
rasch es sie durchführen müsse, um nicht hinter den anderen Staaten zurückzubleiben.
Und war man einige Jahre durch innere Unruhen, kriegerische Ereignisse, Erntewechsel
oder Ähnliches im Fortschritt gehemmt, so schien es nötig, nach Verscheuchung der
drohenden Wolken um so rascher voranzueilen, und es war dann immer fraglich, ob
man das Tempo richtig treffe. So hat sich England 1844 -1847 in seinem Eisenbahn⸗
bau überstürzt, ganz Europa 1880 — 1857 im Erxport von Industriewaren nach den
Boldlaändern, 1867 — 1875 Deutschland, sterreich und andere Staaten im Eisenbahn—
bau, in der Ausdehnung der Kohlenproduktion und der Eisenindustrie, in der Gründung
von Aktiengesellschaften. Die Absatzstockungen von 1847, 18857 und 1878 -1875 sind
wenigstens keilweise dadurch hervorgerufen worden. Über die letztere seien nur ein paar
Zahlen angeführt. Man hatte Kilometer Eisenbahnen gebaut in
1868
1871
1875
1877
Amerika Deutschland
4794 674
12818 1576
4264 2407
83821 1206
Ein großer Teil der Schwindelperiode von 1871 -1878 und der Depression von
1875 —79 wäre zu vermeiden gewesen, wenn es möglich gewesen wäre, diesen Eisenbahn—
bau gleichmäßig auf die zehn Jahre 1868 — 1877 zu verteilen. Der deutsche Eisen—
bahnbau hatte fsich in den sieben Jahren 1868 — 1876 vervierfacht; das bedeutete eine
Revolution im ganzen Eisengewerbe, die Neueinstellung von Tausenden von Arbeitern,