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forderte, schlechter bezahlt wird, als rein physische Thätigkeit, und je
mehr der Bildungsdrang in der Bevölkerung sich entwickelt, je mehr
Personen aus der unteren Klasse sich der geistigen Schulung und
Kopfarbeit widmen, um eine bessere gesellschaftliche Stellung zu
erlangen, um so mehr muß geistige Arbeit im Wert sinken, die physische
Aagogen erhöhten Lohn erlangen, um eine Ausgleichung herbeizu-
ühren.
Der Lohn ist ferner im Verhältnis zur Leistung zu betrachten,
also vom Standpunkt des Arbeitgebers aus. Für ihn kann ein
Lohn hoch sein, der für den Arbeiter niedrig erscheint, wenn seine
Leistungen sehr unvollkommen sind, und ebenso umgekehrt. Daher ist
es außerordentlich schwer, in einer zurückgebliebenem Gegend mit
niedrig stehender Arbeiterbevölkerung einen neuen Industriezweig groß
zu ziehen, z. B. in den östlichen Provinzen Preußens, in dem Innern
von Rußland, obgleich dort der Tagelohn außerordentlich niedrig ist.
Aber der ungeschulte Arbeiter bringt wenig zu Wege, verdirbt viel,
so daß exakte Ausführung, feineres Produkt von ihm nicht erwartet
werden kann. Um gute Maschinen, feine Weberei, zarte Muster in
der Kattundruckerei herzustellen, wird eine Zuverlässigkeit, eine Präzi-
sion in der Ausführung verlangt, welche in jenen Gegenden nicht zu
finden ist. Die hohen Löhne in Westfalen, in Elsaß-Lothringen sind
deshalb verhältnismäßig immer noch billiger als die niedrigen Löhne
für den polnischen und russischen Arbeiter.
Von besonderer Bedeutung ist es, die Höhe des Lohnes vom
Standpunkte des Volkswirtes im Verhältnis zum Lebens-
bedürfnis des Arbeiters entsprechend der Kulturstufe des Landes
und im Vergleich zu dem gesamten Wohlstande desselben zu betrachten.
An und für sich wird ein hoher Lohn wünschenswert sein, um dadurch
ajine Lebenshaltung zu ermöglichen, welche die körperliche Gesundheit,
die physische Leistungsfähigkeit ebenso zu fördern, wie das geistige
und sittliche Niveau zu heben vermag. Es handelt sich nicht allein
darum, eine gute Wohnung und gute Nahrung zu ermöglichen, sondern
überhaupt den Zustand der Bedürftigkeit auf ein Minimum zu be-
schränken. Nichts demoralisiert so sehr als Not und Elend, nichts
hemmt den Kulturfortschritt in dem Maße als dauernde Dürftigkeit
der großen Masse der Bevölkerung. Wo hohe Löhne in Aussicht
stehen, ist der Fleiß angeregt; die Möglichkeit, sich in die besitzende
Klasse emporzuarbeiten, vermindert den Klassengegensatz und weckt
den Selbständigkeitssinn und das Selbstbewußtsein, was jedem Reisenden
in England und in den Ver, Staaten in wohlthuender Weise auf-
fällt. Außerdem fördert eine große Kaufkraft der Arbeitermasse den
ganzen volkswirtschaftlichen Betrieb und bildet die Grundlage für eine
blühende Volkswirtschaft,
Wir geben in den folgenden kleinen Tabellen eine Vergleichung
der Lohnverhältnisse in verschiedenen Ländern, wie sie Dr. E. P. C.
Gould in den Jahrb. f. Nat.-Oekon., 3. F., Bd. V, gegeben hat. Es
handelt sich dabei um Beispiele, die nur als ungefährert Anhalt zur
Vergleichung verwertet werden können.
Lohn nach
der Leistung,
Lohn im Ver-
hältnis zum
Lebens-
bedürfnis.