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Erstes Buch, Cap. 3.
sirung liebt, Ausflüsse der Tendenz, alle Erscheinungen des
Menschenlebens als messbare Wirkungen natürlicher Ursachen
zu erfassen,
Merkwürdigerweise thut Bentham den letzten Schritt, den
menschlichen Willen selbst zu leugnen und menschliche Hand-
lungen als nothwendiges, unfreies Product äusserer Kräfte
aufzufassen, nicht. Der Reformator des Strafrechts behandelt
zwar die Strafe lediglich als Mittel, gemeinschädliche Hand-
lungen zu verhüten, setzt aber den durch die vernünftige Er-
wägung des Nutzens bestimmten freien Willen überall voraus.
Das „Ich“ bleibt die Urkraft, und deshalb behält der Mensch
einen Willen; nur ethischer Materialismus folgt aus dem
schroffen. Rationalismus — den ganzen Menschen als ein von
Naturkräften bestimmtes Stück Materie aufzufassen, war An-
leren vorbehalten.
Die mittleren Abschnitte des Buchs sind rein erimina-
listisch; am Schlusse kommt Bentham wieder auf allgemeine
Fragen: er unterscheidet Sittlichkeit und Recht rein äusser-
lich, indem sittlich jede Handlung ist, welche der Gesammt-
heit (den Einzelnen eingeschlossen) vortheilhaft ist, das Gesetz
aber aus Zweckmässigkeitsgründen nur einen Theil von un-
sittlichen Handlungen mit Strafe bedroht. Recht und Sittlich-
keit haben denselben Zweck: das Glück aller Glieder der
Gesellschaft; aber es 'giebt Fälle, in denen die Sittlichkeif,
gebietet, dass ein Mensch sein und seiner Mitmenschen Glück
hefördere, ohne dass das Recht direct eingreift.
Schärfer als im ersten Werk ist hier ausgeführt; dass es
auf das Glück der Summe der Einzelnen ankommt; der
Sprung !) vom Einzelnen zur Summe der Einzelnen wird aber
1) Guyau in seinem sehr interessanten Buche: „La morale Anglaise
Contemporaine“, Paris 1879, leugnet, dass bei Bentham ein logischer Sprung
vorkomme und erklärt sein System für innerlich völlig consequent. Mit
grossem Geschick hat Guyau den innersten Gedankengang Benthams über
das Nützlichkeitsprineip möglichst einfach und präcise wiedergegeben und
auseinandergesetzt, dass und wie bei Bentham das Streben des Individuums
nach dem eignen grössten Glück, und das nach dem grössten Glück der
grössten Zahl zusammenfallen. Der Beweis dieser Behauptung gründet
sich auf viele Sätze bei Bentham, die ausführen, dass das eigne richtig