Full text : Die Konsumtion

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I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Die  Konsumtion.

§  4

zum  Unterhalt  einer  Familie  und  zur  Wahrung  der  äußeren  Sitte.  Dahin  zielte
wenigstens  eine  starke  Tendenz  der  Entwicklung,  so  weit  auch  in  concreto  oft
Ideal  und  Wirklichkeit  differieren  mochten.  Und  wo  die  überweltlichen  Impulse
beim  Einzelnen  versagten,  da  trat  an  ihre  Stelle  die  Gebundenheit  durch  das  Beispiel ­
  der  Nachbarn;  diese  Gebundenheit  ist  es  in  erster  Linie,  die  die  Konsumtion
zu  einer  gesellschaftlichen  Erscheinung  macht.  Noch  heute  ist  der  Typus  des  genügsamen ­
  Landmanns  nicht  ausgestorben,  dem  das  Verständnis  für  den  Genußzweck
der  Konsumtion  fast  abgeht,  und  der  ein  Hinausgehen  über  das  Maß  der  überkommenen ­
  Lebenshaltung  für  sich  und  andere  ebenso  entschieden  verwirft,  wie
er  ein  Zurückbleiben  hinter  ihm  als  Pflichtverletzung  scheut.  Es  ist  neben  dem
überweltlichen  Imperativ  die  Rücksicht  auf  das  Urteil  der  Nachbarn,  es  ist  die  geistige ­
  Abhängigkeit  von  Gott  und  Menschen,  was  die  Seele  des  damaligen  Menschen
umklammert  und  sein  unmittelbares  Selbstinteresse  an  der  Konsumtion  verkümmern ­
  läßt.
Daß  dieser  Kulturzustand,  so  hoch  man  ihn  sittlich  werten  mag,  wenig  geeignet
ist,  Impulse  zur  fortschrittlichen  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  auszulösen,
leuchtet  ein;  Gebundenheit  der  Konsumtion  bedeutete  zugleich  Gebundenheit  der
Volkswirtschaft.  Ueber  diesen  toten  Punkt  hinaus  führen  zwei  geschichtliche  Entwicklungsreihen: ­
  die  Abschwächung  des  Gefühls  der  Abhängigkeit  des  Menschen
von  Gott  durch  die  moderne  Aufklärung,  und  eine  Umgestaltung  seiner  Abhängigkeit ­
  vom  Urteil  des  Nächsten.  Die  Wirkung  auf  die  Konsumtion  ist  in  beiden  Fällen
ähnlich,  wenigstens  scheinbar  ähnlich.
1.  Die  Abhängigkeit  vom  Urteil  des  Nächsten  wird  transformiert  im  Sinne  des
Uebergangs  vom  Anerkennungstrieb  zum  Auszeichnungstrieb. ­
  Hatte  die  peinliche  Anpassung  an  die  für  jeden  Stand  überkommene  Lebenshaltung ­
  den  Anerkennungstrieb  zur  Voraussetzung,  und  die  soziale  Scham  zum
Motive,  so  will  der  Auszeichnungstrieb  sich  über  die  Standesgenossen  erheben,  und
beruht  auf  sozialem  Ehrgeiz.  Zwar  fehlt  der  Auszeichnungstrieb,  die  Leidenschaft
des  aisv  dcptatstistv,  zu  keiner  geschichtlichen  Zeit  ganz,  und  ist  die  Bedingung
aller  Führerschaft  in  Krieg  und  Frieden;  allein  in  der  Neuzeit  dehnt  er  sich  auf  viel
breitere  Schichten  aus,  je  mehr  er  sich  auf  das  wirtschaftliche  Gebiet  erstreckt.
Das  wirtschaftliche  Gebiet  bedeutet  für  ihn  ein  neues  Betätigungsfeld.  Zu  den
Eigenschaften,  die  das  Individuum  vor  seinesgleichen  auszeichnen,  zählt  auch  die
wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  und  diese  kann  unter  Durchbrechung  der  Sitte
in  einer  individuell  erhöhten  Lebenshaltung  Ausdruck  finden:  in  prächtigerer  Kleidung, ­
  im  Essen  und  Trinken,  im  Schmuck  der  Wohnung,  in  ausgedehnter  Gastlichkeit, ­
  im  Umfang  des  sichtbaren  Besitzes.  Die  erhöhte  Lebenshaltung  wird
zu  einem  willkommenen,  weithin  sichtbaren  Zeugnis  hervorragender  Tüchtigkeit,
und  reizt  zur  Nachahmung,  entfesselt  das  Streben  nach  Ausgabensteigerung  und
Einkommenssteigerung,  sei  es  durch  wirtschaftliche  Mehrleistungen  oder  auf  anderem
Wege.  Die  Ausgabensteigerung,  die  imponieren  will,  richtet  sich  in  älterer  Zeit
mit  Vorliebe  auf  den  Erwerb  von  Vieh  und  Grundbesitz,  möglichst  viel,  eventuell
mit  Schulden;  in  andern  Fällen,  namentlich  seitens  der  ehrgeizigen  Jugend,  auf
eine  bestimmte,  durch  die  Sitte  der  nächst  höheren  Klasse  orientierte  Art  kostspieliger ­
  Lebensführung,  oder  endlich  auf  eine  kostspielige  Lebenshaltung  schlechthin, ­
  auf  Rekordleistungen;  in  allen  Fällen  werden  solche  Ausgaben  bevorzugt,  die
nach  außen  ins  Auge  fallen,  Fassadenbedürfnisse:  Gesellschaftsräume  der  Wohnung
mehr  als  Schlaf-  und  Wirtschaftsräume,  Oberkleidung  mehr  als  Unterkleidung  usw.
Den  Anstoß  zu  dieser  folgenreichen  Bewegung,  zum  Durchbruch  des  wirtschaftlichen ­
  Auszeichnungstriebes,  kann  eine  gelegentliche  Einkommensdifferenzierung
gegeben  haben;  möglicherweise  aher  auch  die  gesellschaftliche  Mischung  oder
auch  nur  Berührung  von  Bevölkerungsgruppen  mit  verschiedener  Lebenshaltung;
wie  beispielsweise  die  Kreuzzüge  durch  den  Import  orientalischen  Prunks  auf  die
einfachere  Lebenshaltung  des  Abendlands  revolutionierend  wirkten.  Die  Lawine  muß
            
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