Wertmaßstäbe der Konsumtion.
117
§ 4
mehr oder weniger ausgereiften Ideen der erschöpften Phantasie gewerbsmäßiger
Modemacher aufhilft und die Zügel an sich reißt 1 ); auch sie findet eine folgsame
Kundschaft. Am ehesten wird eine solche Einflußnahme auf die Fabrikation von
Gütern länger dauernden Gebrauchs gelingen, wie Wohnung und Wohnungsein
richtung, im Gegensatz zu Kleidungsstücken, bei denen die atemlose Saisonmode
herrscht, regiert vom Schneider und von den Löwinnen der Bühne und der Halb
welt. Selbst Konsumentenvereine für Verbesserung der Frauenkleidung oder der
Männertracht, wie sie neuerdings versucht worden sind, dürften auf diesem Lieb
lingsgebiete der Mode ebenso einflußarm bleiben, wie in einem ähnlichen Falle Haus
frauenvereine in der Preisbildung des Nahrungsmarkts; die Zahl der Konsumenten ist
größer, das Interesse jedes Einzelnen kleiner, als Zahl und Interesse der Produzenten.
Kaum jemals werden diese konventionellen Aufwendungen ganz willkürlich ge
wählt, sondern sie knüpfen zunächst an wirklich empfundene Bedürfnisse an. Man
hat mit Recht hervorgehoben, daß die natürlichen Existenzbedürfnisse des Menschen
im Ablauf der Kulturgeschichte durch ästhetische und sittliche Modifikationen ver
feinert und, ihrem wirtschaftlichen Werte nach, gesteigert werden. Diese Ver
feinerung natürlicher Bedürfnisse ist wohl überall die erste Stufe im Aufstieg der
Lebenshaltung. Man will nicht nur den Hunger und Durst stillen, sondern auch die
damit verbundenen Lustgefühle steigern; die Kleidung soll den Körper nicht nur
wärmen, sondern auch schmücken; vollends die Gestaltung des Hauses wird durch
ästhetische, sittliche, gesellschaftliche Zwecke beherrscht. Ueberall werden die na
türlichen Bedürfnisse mit einem kostspieligen Blätterschmucke umkleidet, und man
kann diesen bei wohlwollender Deutung in den meisten Fällen auch als den Träger
eines kulturellen Fortschritts ansprechen, ganz besonders im Falle der Verfeinerung
des Wohnens, die auf höherer Kulturstufe der Pflege des Essens den Rang abläuft 2 ).
Wir wollen uns darum dieses Schmuckes freuen, ohne ihn zu überschätzen. Es ist
freilich großenteils nur eine Art optischer Täuschung, wenn wir, an den Komfort
moderner Wohnungen gewöhnt, die rohen Holzdielen unserer Vorfahren für weniger
zivilisiert halten; wir brauchen nur an Goethes Haus zu denken, dem „fast alle die
Verfeinerungen fehlten, die uns heute unentbehrlich dünken, wenn wir uns in unserer
Wohnung wohl fühlen sollen“; nicht die Kultur, sondern unsere konventionell be
dingten Ansprüche sind fortgeschritten. Womit nicht in Abrede gestellt wird, daß
manche Ansprüche, an die der Mensch sich in den letzten Jahrzehnten gewöhnt hat,
auch Kulturwert besitzen.
3. Zur Steigerung des Niveaus der Lebenshaltung wirkt außer den wachsenden
sozialen Ansprüchen ein fatales Naturgesetz mit, das zur Würdigung des Konsum
tionsfortschritts nicht außer Acht bleiben darf: die Gewöhnung. Sie steigert
das Bedürfnis und schwächt die Genußempfindung. Sie wirkt wie ein Widerhaken,
der die Rückkehr zu anspruchsloserer Lebenshaltung aufs äußerste erschwert.
Jede Verbesserung der Lebenshaltung, wenn sie über den natürlichen Exi
stenzbedarf hinausgeht, tritt zuerst als Luxus in die Erscheinung; sie wird zum Be
standteile des Existenzbedarfs, wenn sie eine Zeitlang angedauert und im Standes
kodex Aufnahme gefunden hat. Mit diesem sozialen Zwange geht aber Hand in Hand
die physiologische oder psychophysische Steigerung der Bedürftigkeit. Es gibt
keinen Wunsch, der nicht durch regelmäßig wiederkehrende Befriedigung zum emp
findlichen Bedürfnis wird. Die halbe Flasche Wein, die Herr Schulze zum Mittag
essen, oder die Zigarre, die er zum Nachmittagskaffee sich angewöhnt hat, bereitet
ihm Unbehagen, sobald sie ihm wieder entzogen wird; schon glaubt er diese Güter
nicht mehr entbehren zu können 3 ). Ebenso wird die zuerst nur aus sozialen Grün
J ) Im übrigen sind wirtschaftliche Mode und künstlerische Mode nicht wesensgleich.
2 ) Erbweisheitsspruch des modern zivilisierten Mittelstands: Wohne über deinem Stande, !
kleide dich nach deinem Stande, iß und trink unter deinem Stande.
f) Vgl. P a u 1 s e n , System der Ethik, 2. Aufl., Berlin 1891, S. 424: „Ich gestehe, daß
es mir trotz vieljähriger Erfahrung zweifelhaft geblieben ist, ob das Rauchen mehr Genuß oder
Plage macht. Ob jemals ein Vater mit Freuden sah, daß seine Söhne und Töchter es lernten?“