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eingefallen, die individuellen Differenzen an Intelli
genz und Energie zu verkennen l .
Was war das nun, was jene Forscher betrieben —
diese Untersuchungen über das Wesen der Gesell
schaft und der sozialen Zusammenhänge, diese Ver
suche, den sozialen Menschen zu analysieren, dieses
Streben nach allgemeinen, unmetaphysischen Er
kenntnissen? Das war nichts anderes als Soziologie
— in ganz demselben Sinn wie wir sie heute treiben,
und von uns nur getrennt durch Fortschritte der
Technik der Wissenschaft. Darin denn liegt die
höchste reinwissenschaftliche Bedeutung des Natur
rechts, daß es die große, neue Wissenschaft vom so
zialen Menschen schuf. Dort lagen die Quellen für
einen der drei Flüsse wenigstens, aus denen dann der
Strom der Soziologie entstand — der zweite Quell
fluß ist die schon erwähnte Psychologie und Ethik,
der dritte die noch zu erwähnende Geschichtstheorie
— und unendliche Anregung gewährt die Lektüre
jener Autoren, wenn der Leser in diesem Geist an
sie herantritt, denn nie vorher, nie nachher war je
mals der Gedanke so frei, so kühn.
Und was heißt das, bei jedem Rechtssatz auf das
Wesen der sozialen Beziehung blicken, die er regelt,
oder auf das Wesen der wirtschaftlichen Vorgänge,
1 Wenn sie politische und rechtliche Gleichheit aller Staats
bürger forderten, so kann man sagen, dafs eine solche Forderung
nicht in die Wissenschaft gehöre. Aber man kann nicht, wie Stahl
es tat, sagen, dafs diese Gleichheit in Widerspruch stehe mit der
natürlichen Ungleichheit der Menschen und deren Konsequenzen.
Denn politische und rechtliche Gleichheit gibt gerade den natür
lichen Ungleichheiten erst freie Bahn, um sich auszuleben.