fullscreen: Kapitalismus und Sozialismus

Schluß vorgenommen. Die Kapitel 18 bis 21. des zweiten Bandes sind sehr 
schwer, ober auch höchst wertvoll. Sie schildern den Kreislauf des gesell 
schaftlichen Gesa.ntkapitals. Hat man sich auch durch sie durchgearbeitet, dann 
kehrt mau am besten zrrnl dritten Band zuriick und liest die das ganze Werk 
abschließenden Kapitel 48 bis 52." 
„Aber um Gottes willen, das ist ja ganz entsetzlich," rief Karl da be 
stürzt. .„Warum hat denn Marx das nicht selber in der Reihenfolge ge 
schrieben, in der man sein Buch lesen soll? Warum mutz man jetzt darin 
herumhüpfen wie der Frosch im Teich?" 
„Marx hat sein Werk nicht als Lehrbuch geschrieben," eutgegnete ich, 
„er hat ein wissenschaftliches Systenr aufgestellt. Wenn man einmal das 
Ganze begriffen hat, dann sieht inan auch die Folgerichtigkeit dieses Systems 
ein. Aber zur ersten Orientierung dürfte es wohl am besten sein, die Ka 
pitel in der Reihenfolge zu lesen, wie ich sie euch angegeben habe. Natürlich 
muß man dann das gaiize Werk nochmals durchnehmen." 
„Ach, jo alt werde ich in meinem Leben nicht," seufzte Karl. 
„Aller Anfang ist bekanntlich schwer," erwiderte ich beruhigend. „Nicht 
jeder mutz und nicht jeder kann die großen, grundlegenden lvissenschaftlichen 
Werke selbst studieren. Unsere Volksschulen sind so mangelhaft, daß es den 
Schülern später schon sehr schwer fällt, wissenschaftliche Bücher zu lesen. Die 
Arbeit des Proletariers aber saugt ihm noch dazu so alle Kräfte aus, daß 
er meist nicht imstande ist, seine spärliche freie Zeit noch anstrengender 
geistiger Arbeit zu widmeii. Trotzdem aber haben es doch einzelne Arbeiter 
fertig gebracht, sich in die schwierigsten wissenschaftlichen Arbeiten zu ver 
tiefen. Höchste Ehre ihrem Streben, ihrem Eifer, ihrer bewunderungs 
würdigen Zähigkeit! Ob ihr imstande sein werdet, so Außerordentliches zu 
leisten, das weiß ich ja nicht; aber streben werdet ihr gewiß danach, zu leisten, 
was in euren Kräfte,: steht. Ich kann dabei nicht mehr tun, als euch den 
Weg zeigen, den ich für den besten und den gangbarsten halte." 
„Aber ist nicht seit Marx' Tod vieles geschehen, was er doch nicht vor 
aussehen konnte?" wandte Wilhelm schüchtern ein. „Fst es nicht notwendig, 
auch darüber etwas zu erfahren?" 
„Ganz richtig," erwiderte ich. „In dieser Hinsicht ist Marx' Werk auch 
in letzter Zeit ergänzt worden. In populärer Weise haben das Otto Bauer 
in seiner Schrift „Die Teuerung" und Parvus in seiner Broschüre „Die 
Banken, der Staat und die Industrie" getan; in streng wissenschaftlicher 
Form Rudolf Hilferdings in seinem großen Werk „Das Finanzkapital". Das 
ist freilich auch nicht leicht zu lesen. Wenn man aber Marx studiert hat, dann 
kann man auch ohne Schwierigkeit besonders die Kapitel 7 und 12 bis 15 
lesen, die für uns die wichtigsten sind; und verhältnismäßig leicht verständ- 
sich ist der letzte Abschnitt, der die Wirtschaftspolitik der großen Kapitalmächte 
behandelt. Erst wenn man sie versteht, kann man voll begreifen, was für 
Kräfte heute die Politik der Welt beherrschen; wie sich alles immer mehr zu- 
spitzt zu einem furchtbaren Entscheidungskampf zwischen den Kapitalisten 
und Arbeitern. Ueber die laufenden Fragen der Wirtschaft und Politik fin- 
bet ihr am besten Aufschluß in der Lektüre der „Neuen Zeit" und des 
„Kampf", des wissenschaftlichen Organs unserer österreichischen Bruderparte,.
	        
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