Full text: Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland

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verwickelteren Betrieben leicht auftreten. Während man in Preußen, 
von dem zweimal in der Woche verkehrenden Expreßzug abgesehen, 
auf der großen Westostlinie Köln—Königsberg nicht in demselben 
Wagen vom Rhein nach Altpreußen gelangen kann, eröffnen sich in 
Rußland die großartigsten Perspektiven. Da fährt man, fast möchte 
man sagen, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, von Kalisch nach 
Rostow und Baku, von Warschau nach Saratow und Taschkent, von 
Riga nach Sewastopol und Rostow, von St. Petersburg nach Perm 
und Tscheljabinsk, sowie nach Noworossijsk, Baku, Tiflis und Batum. 
Es war schon seit einer Reihe von Jahren ermöglicht, in den sibirischen 
Zügen ohne Umsteigen von Moskau und St. Petersburg nach Irkutsk 
zu gelangen. Die Vervollkommnung der Technik hat nun aber ein 
Wagen- und Achsenmaterial geschaffen, das auch eine ununterbrochene 
zehntägige Fahrt aushält. Seit dem Sommer 1914 1 ) fällt infolgedessen 
das Umsteigen in Irkutsk fort, so daß die Fahrt im durchgehenden 
Wagen zum Stillen Ozean und zur Mandschurei (bis Tsehangtschun, 
dem Endpunkt der russischen Spur) vor sich gehen kann. Man kann 
jetzt somit im selben Wagen (St. Petersburg—Wladiwostok) 8850 km 
zurücklegen, eine Rekordstrecke, die auch in der neuen Welt bei weitem 
nicht erreicht wird. 
Beinahe möchte man glauben, daß man in Rußland bei der Aus 
bildung des durchgehenden Verkehrs hier und da ein wenig übertreibt. 
Zwar nicht so sehr dadurch, daß man etwa zwei verschiedene Verkehrs 
gelegenheiten von St. Petersburg nach Kiew hat, beide von der gleichen 
Länge 2 ). Auch daß von St. Petersburg durchgehende Wagen über 
Dno nach Staraja Russa, dem bekanntesten Stahlbad im nordwest 
lichen Rußland, geleitet werden, ist verständlich, da die Nowgorodbahn 
(Tschudowo an der Nikolaibahri—Nowgorod—Staraja Russa) schmal 
spurig ist. Führt man doch auch aus demselben Grunde durchgehende 
Wagen von St. Petersburg und Warschau über Iwangorod nach Graniza 
an der österreichischen Grenze. Eigenartiger mutet schon die Ver 
bindung Warschaus mit Petersburg über Sjedlez, Lida, Polotzk und 
Bologoje an der Nikolaibahn an, wodurch eine Strecke von 1412 W 
(1506 km) entsteht, während die direkte Strecke nur 1046 W (1117 km) 
lang ist. Seltsam ist es aber, wenn von Bologoje auch Wagen über 
Dno nach St. Petersburg laufen oder von Sonkowo an der Rybinsker 
Bahn über Bologoje nach Moskau oder gar von Moskau über Lichoslawl 
*) Frankfurter Zeitung 12. Juni 1914 (Xr. 101). 
2 ) Die westliche Linie führt über Wilna und Samy, also in einem großen, 
nach Westen gezogenen Bogen (1246 W, 1329 km). Die östliche, weniger empfehlens 
werte Route benutzt zunächst die scharf südlich gerichtete Strecke über Witebsk 
und Mohilew nach Shlobin, richtet dann aber, da die naturgemäße Fortsetzung 
nach Kiew noch fohlt, ihren Kurs südöstlich über Homel nach Bachmatsch und 
erreicht nach einer weiteren scharfen (südwestlichen) Richtungsänderung die 
Dnjeprmetropole (1244 W 1327 km).
	        
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