fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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weise seltenen Naturschilderungen verraten gröbliche Unkenntnis 
auch einfacher Lebenserscheinungen der Natur, der Dialog der 
besseren Gesellschaftsschichten ist ganz unwahrscheinlich geführt, 
zerstreute und unsystematische Versuche, Mundarten einzuführen, 
gelingen nicht recht, und die Schilderung des Gestenspiels er— 
innert an die Manieren jugendlich-unbeholfener Jünger der 
Bühnenkunst. Aber sobald sich der Dichter erst einmal ordent⸗ 
lich eingeschrieben hat und auf das Hauptthema, die Schilderung 
des langsamen seelischen Verfalls des Titelhelden kommt, treten 
all diese Elemente zurück und werden vor der gewaltigen in 
den wirklich wichtigen Dingen sich offenbarenden Kraft des 
Dichters vergessen; und auch Nebenschilderungen rufen die 
sttärkste Illusion hervor durch die unerhörte Wahrhaftigkeit der 
Darstellung, so z. B. die Scenen am Stammtisch der Weiß— 
hbierkneipe Meister Jamraths. Und in der Haupthandlung 
wächst aus dem urväterlichen Formenwesen schließlich in 
trauriger Schönheit ein nicht mehr bloß physiologischer, sondern 
schon psychologisch schildernder Impressionismus hervor: ja 
in den gewaltigsten Momenten scheinen bereits symbolische 
Motive durch. 
So ist die Entwicklung des Dichters ins Symbolistische 
schon angedeutet, wie sie später „Das Gesicht Christi“ (fünfte 
Auflage 1899) besiegelt hat. 
Im ganzen aber wird man die Romane der frühen Periode 
Kretzers als zunächst nur dem Stoffgebiet, dann auch steigend 
der Form nach dem Naturalismus zugewandt bezeichnen können, 
ohne daß doch in ihnen jemals ein konsequenter Impressionismus 
zrreicht würde. 
Verwickelter als bei Kretzer liegen die Dinge bei Suder— 
mann. Zunächst ist kein Zweifel, daß Sudermann als Künstler 
weit höher steht als Kretzer. Die Frage nach dem Impressio— 
nismus kann daher bei ihm nicht in gleichem Grade bloß auf 
die Einzelheiten der Schilderung hin gestellt werden, in denen 
die ganze Entwicklung des modernen Wirklichkeitssinnes den 
Dichter der Gegenwart ohnehin leicht auf impressionistische 
Motive verweisen wird. Vielmehr erhebt sich hier alsbald das
	        
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