Der Gesichtspunkt der Produktion u. d. Gesichtspunkt der Konsumtion 57
3. DER GESICHTSPUNKT DER PRODUKTION UND DER GESICHTSPUNKT
DER KONSUMTION
„Die erste theoretische Behandlung der modernen Produk-
tionsweise — schreibt Marx — ...ging notwendig aus von den
oberflächlichen Phänomenen des Zirkulationsprozesses... Die
wirkliche Wissenschaft der modernen Oekonomie beginnt erst, wo
die theoretische Betrachtung vom Zirkulationsprozeß zum Pro-
duktionsprozeß übergeht‘.‘““ Umgekehrt macht Böhm-Bawerk und
die gesamte Österreichische Schule die Konsumtion zum Aus-
gangspunkt ihrer Analyse.
Während Marx die Gesellschaft vor allem als „Produktions-
organismus‘® und die Wirtschaft als „Produktionsprozeß‘‘ be-
trachtet, tritt die Produktion bei Böhm-Bawerk völlig in den
Hintergrund; an erster Stelle steht bei ihm die Analyse der Kon-
sumtion, der Bedürfnisse und Wünsche des Wirtschaftssub-
von Normen, von deren Standpunkt aus die ökonomische Wirklichkeit be-
trachtet wird, und die Ethik als eine Tatsache, die in Zusammenhang mit der
Tatsache der ökonomischen Erscheinungen steht. Von der politischen Oeko-
nomie als einer ethischen Wissenschaft im ersten Falle zu sprechen, würde
nichts geringeres bedeuten, als diese Wissenschaft in Rezepte zu verwandeln;
wollte man im zweiten Falle dem Beispiel Stolzmanns folgen, so könnte man
auch mit demselben Recht von der politischen Oekonomie als von einer
philologischen Wissenschaft sprechen, und zwar wäre der „zureichende Grund“
dafür der, daß die Erscheinungen der Sprache ebenfalls in einem Zusammen-
hang mit dem Wirtschaftsleben stehen. Wie groß die Abgeschmacktheit der
„Ethik“ der Herren „Kritiker“ mitunter ist, zeigt z. B. folgende Stelle: „Der
Lohn bedeutet eine moralische Größe“ (S. 198, Sperrdruck vom Ver-
fasser). Er wird nicht nur durch Sitte und Recht bestimmt, „sondern auch
durch die Stimme des Gewissens und den Zwang von innen, d. h. durch den
eigenen Imperativ des Herzens“ (S. 198). Aehnliche sauersüße Betrachtungen
begegnen uns noch mehr (vgl. S. 199, 201 u. a.). Der „praktische Verstand‘
des Herrn Stolzmann veranlaßt ihn, die Menschen vor der Umarmung des
Sozialismus zu schützen (siehe S. 17). Zu diesem Zweck ist er nicht abgeneigt,
auch Demagogie zu treiben: „Freilich‘‘ — führt Stolzmann gegen die Marxisten
aus — „ist es bei weitem einfacher und minder verantwortlich, sich auf die
Diskreditierung des Bestehenden zu beschränken und, indem man den Hun-
gernden Steine statt Brot bietet, sie auf die kommende Umwälzung zu ver-
trösten ... Doch wird der Arbeiter nicht warten wollen‘ usw. — Dieses
Gewäsch ist dem Herrn Geheimrat anscheinend auch vom „Imperativ des
Herzens“ diktiert worden. Insoweit Stolzmann interessant ist, ist er mit der
Marxschen Theorie und Methode verbunden; dagegen kann seine überaus ge-
Schwollene Ethik nur noch die Herren Bulgakow, Frank und Tugan-Bara-
nowsky locken.
% Karl Marx: „Kapital“, Bd. 11,1. Teil; S. 321.