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Dr. M. J. Bonn.
In einzelnen Teilen der Kapkolonie ist die Eingeborenenbevölkerung
in 13 Jahren um 38 o/o gewachsen. Neue Lebensmöglichkeiten müssen
geschaffen werden. Es beginnt die Zusammenballung eingeborener
Arbeitermassen unter Zuhilfenahme europäischen Kapitals, und be
wußt oder unbewußt greift die europäische Arbeitsordnung ln das
Leben der stationärsten Völker ein und rüttelt sie aus dem Her
kommen auf. Der Bahnbau und die Fabrik zerstören die alten
Formen, und keine Kunst, kein Herrscherwille vermag sie wieder
aufzubauen. Im konservativsten Lande der Welt, in Indien, bestehen
heute 237 Baumwollspinnereien und Webereien und 60 Jutefabriken.
Sie beschäftigen täglich im Durchschnitt 231 850 bzw. 204104 Per
sonen. Die Juteindustrie und ein großer Teil der Baumwollindustrie
ist mit englischem Kapital begründet; ein eingeborenes Unter
nehmertum ist aber im Entstehen. Vor einigen Jahren ist ein
großes Eisen- und Stahlwerk mit einem ausschließlich indischen
Kapital von 1 545 000 £ begründet worden. Neben dieser wirtschaft
lichen Umgestaltung, ja, in vielen Fällen ihr vorauseilend, wird eine
Umwandlung des eingeborenen Geisteslebens fühlbar. Auch wo man
versucht hat, die Eingeborenen «national» zu unterrichten und ihre
Geistesbildung auf der Grundlage ihrer nationalen Vergangenheit
zu entwickeln, läßt sich der Einfluß europäischer Gedanken nicht
abweisen. Es erwacht gerade bei den tüchtigsten und intelligen
testen Eingeborenen der Drang, es dem Europäer gleichzutun, der
Wunsch, ihm zu beweisen, daß man ihm auf dem eigenen Felde ge
wachsen sei. Dazu kommt die Notwendigkeit, die Verwaltung, sei
es auch in bescheidenem Maße, mit den Hilfsmitteln europäischer
Technik zu führen. Will man die Beamtenschaft nicht ausschließlich
auf Europäer beschränken, so muß man die Eingeborenenelemente
auf den Staatsdienst vorbereiten und bis zu einem gewissen Grade
europäisieren. Man richtet Examina für sie ein, deren Ablegung die
Beamtenlaufbahn eröffnet; man muß in diesen Prüfungen eine ge
wisse Kenntnis des europäischen Wissens voraussetzen, und man muß
Einrichtungen zu dessen Erlernung treffen. Der Europäer zwingt
dem Eingeborenen nicht länger sein Wissen auf; der Eingeborene
fordert heute seine Vermittlung. Es findet bald ein mächtiger Zu
strom zu allen Ämtern statt, der als Ansporn zu weiterer Europäisie-
rung dient. So kommen heute auf 1 250000 Beamte in Indien nur
noch etwa 5000 Europäer. Dabei bleibt der ganz- oder halbgebildete