Neue Weltanschauung
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denn der rohe Mensch sei bloß grobe Sinnlichkeit, der Mensch
der Stoiker bloße Vernunft; der aber, den die schönen Künste
bilden, stehe mitten zwischen beiden: seine Sinnlichkeit bestehe
in einer verfeinerten inneren Empfindsamkeit, die für das sitt—
liche Leben wirksam mache. Und schon hatte es Sulzer von
diesem Standpunkte her auch ausgesprochen, daß der Staat
die Aufgabe habe, die Kunst zu einem allgemeinen Mittel der
Volksbildung zu machen, ja hatte eine Bühne als moralische
Anstalt, eine staatliche Oberaufsicht über die Sprache und
elbst polizeistaatliche Eingriffe in die Schönheitspflege der
Privatpersonen gefordert.
Wie weit waren da nicht selbst Schillers vollendetste Lehren
vorbereitet, wie er sie namentlich in den „Briefen über die
ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795) vortrug! Nicht
im Beginne einer neuen, am Ende vielmehr einer schon reifen
Entwicklung lag der Bereich seiner Gedanken. Dennoch wiesen
sie, insofern sie zugleich eine Summe der gewaltigsten Forde⸗
rungen enthielten, auch ebenso in die Zukunft; und vor allem:
sie wurden in einer Sprache und in einer Klarheit vor—
getragen und zogen das Ergebnis der klassizistischen An—
schauungen überhaupt mit einer Sicherheit, daß sie von
größtem Einflusse gewesen und geblieben sind bis auf heute.
In den Briefen über ästhetische Erziehung nimmt der
Dichter seinen gedanklichen Ausgang von der Geschichte, indem
er einen Naturstaat und einen Vernunftstaat unterscheidet.
Der Naturstaat ist dabei der herkömmliche Staat der Not; in
ihm ist alles Zwang, denn er ist nicht aus denkenden Willen
hervorgegangen; in ihm herrschen die „Naturkräfte“, die
„wilden Triebe“. Aus ihm aber soll erwachsen, ja schien vor
der französischen Revolution anscheinend nahe herbeigekommen
und in einzelnen Punkten schon verwirklicht der Vernunftstaat,
der Zukunftsstaat der Freiheit und des freien Entschlusses, Er—⸗
zeugnis eines Willens, der aus vernünftiger Einsicht quillt.
Es ist eine historische Perspektive, die auch Schillers geschicht⸗
liche Schriften beherrscht, und die er im wesentlichen mit dem
Königsberger Denker gemeinsam hat.