Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

38 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Welt sein können. Dann aber hatte die Lehre des Kopernikus 
eine solche Auffassung für alle Zukunft ausgeschlossen; und nur 
mühsam und in sich schließlich auch unhaltbar waren dafür die 
optimistischen Anschauungen jener Teleologie des Rationalismus 
eingezogen, welche die Welt trotz ihres eigenen Ganges doch als 
von Gott nur zugunsten des Menschen eingerichtet betrachteten. 
Im ganzen mußte man seit Mitte des 18. Jahrhunderts be— 
ginnen, sich darüber klar zu werden, daß sich die Welt— 
anschauung eines objektiven Anthropozentrismus nicht mehr 
halten ließ, welcher Art auch immer sie im einzelnen sein mochte. 
Da begründete Kant einen neuen, subjektiven Anthropo— 
zentrismus. Denn nach seiner Erkenntnistheorie richtete sich 
die Erkenntnis eines Gegenstandes und damit der Charakter 
der Erscheinungswelt überhaupt, so, wie wir sie auffassen, nach 
den Gesetzen unserer vor aller Erfahrung liegenden inneren 
Vorstellungen, der Stammesanschauungen, der Stammes- 
begriffe: und so war die Welt in dieser Hinsicht unser Er— 
zeugnis: wir stehen zu ihr nicht exzentrisch, sondern sie dreht 
sich konzentrisch um uns. Es ist ein Zusammenhang, in welchem 
sich Kant selbst als den Kopernikus der Erkenntnistheorie be— 
zeichnet hat: wie Kopernikus die anscheinende Drehung des 
Himmelsgewölbes aus der tatsächlichen Bewegung der Erde 
und ihrer Bewohner erklärt habe, die die Erscheinung jener 
Bewegung veranlasse, so erkläre er Charakter und Verlauf der 
Welt der Erscheinungen überhaupt aus dem Wesen der inneren 
Konstruktion unseres Geistes. 
Noch mehr aber stellte Kant das Subjekt in den Mittel— 
punkt einer anderen Welt, der moralischen: man weiß, daß er 
auf diesem Gebiete den ganzen sittlichen Kosmos als ein Werk 
eben unseres Selbstbewußtseins, unseres Gewissens entstehen 
ließ, und daß er außer dieser subjektiven eine objektive Sitt— 
lichkeit als ursprünglich überhaupt nicht anerkannte. 
Waren das nun nicht Lehren, die dem maßlosen Sub— 
jektivitätsgefüuhl der Frühromantik selbst wenn zu extremsten 
Formen gesteigert höchst willkommen sein mußten? Mit mehr 
als vollem Herzen nahm es sie auf und gab damit dem ihnen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.