218 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Bildnerei Mitteleuropas bald ganz auf den Wegen des ausgebildeten
baulichen Barocks: die Einzelheiten der schönen Form sind ihr
vielfach gleichgültig geworden; der Nachdruck ist auf die Be⸗
wegung gelegt; der Stein soll Dolmetsch nicht von Stim⸗
mungen und Dispositionen, sondern von Erregungen und
Leidenschaften sein; stärkste Verrenkungen, schwerstes Flattern
der Gewandung bis zur Loslösung der Gewandmotive von ihrer
Bedingtheit durch den Körper werden beliebt. Es ist eine Ent—
wicklung, welche die Plastik den Prinzipien wie der barocken
Architektur so der lichtbewältigenden Malerei immer näher⸗
führte: und war es denn möglich, daß sie sich, obgleich die
Kunst zunächst des Festumrissenen, gänzlich den Bestrebungen
auf Einverleibung der Wiedergabe der Lichtwirkungen in das
künstlerische Gesamtvermögen entziehen konnte? Indem die
Bildnerei sich der allgemeinen künstlerischen Strömung ein⸗
ordnete, geriet sie in Gefahr, der bisher geltenden ästhetischen
Grundlage ihres Wesens beinah völlig verlustig zu gehen.
Den ersten Höhepunkt dieser Bewegung bezeichnet in Italien
die Erscheinung Lorenzo Berninis (15098 — 1680), eines der ge⸗
feiertsten Meister seiner Zeit. Mit bewundernswerter Kon—
sequenz und in einer unglaublich gewandten Technik hat dieser
Neapolitaner den aufgeregten und sinnlichen Charakter seiner
Landsleute in die Plastik eingeführt und in seinen Werken die
Möglichkeiten einer im barocken Sinne malerisch gewandten
Bildnerei durchmessen. Staunen und Ekstase, pathetische Dekla—
mation und lüsterne Erwartung, hysterische Glut der Andacht
und theatralischer Aufwand von Schmerz sind geläufige Gegen⸗
stände seiner Darstellung, und nichts fast, auch nicht das an
sich Gehaltlose und das Licht, schließt er von körperlich plastischer
Wiedergabe aus. So ist er der Erfinder der plastischen Wolken,
auf denen in den Darstellungen so vieler Barockaltäre Engel einher⸗
schweben und Heilige, vor allem heilige Frauen, lässig-sinnlicher
Ruhe oder gespannt-sinnlicher Erwartung pflegen; auch die
Darstellung der Sonne hat er in seine Plastik einbezogen.
Und was Bernini tat, das wurde bald Gemeingut des