Full text: Geburtenrückgang u. Sozialreform

D. Bekämpfung des Geburtenrüdganges 185: 
al früher, Wber auch abgefehen davon Hat die Mutter, mehr aber noch das Kind, ge 
rechten Anfpruch auf einen weit {tärfern gefebliden Schuß gegenüber dem Vater, als 
ihn das BürgerliHe Gefekbuch gewährt. Diefes bedarf dringend der Reform, und ziwar 
'omwo hl bezüglich des Rechtes und des Makes der Alimentationspflicht als auch bezüglich 
ber Sicherung der Anfprüche, Dabei Kann und foll der prinzipiellen Unter[heidung 
der eheliden und unehHelihen Geburt ihr volles Recht bleiben. Es würde eine falfjche 
Sentimentalität fein und wahrlich nicht im Interejfe der Gevölferungspolitik liegen, bie 
Jegitime Che und die freie Liebe in Rechten und Pflichten gleichzujtellen. Anderfeits darf 
aber jedenfall die „exceptio plurium“ nicht mehr der billige Ausweg bleiben, ich aller 
Verantwortung zu entziehen. m übrigen find dur Fortbildung des VBormundfhHafts- 
wefens in zwedmäßigem Zujammenarbeiten von Beamten und freien Kräften, durch 
Beratung der Vormünder und Pfleger, durch. zwedmäßigere Organifation der „Waifen- 
räte“ uf. namentliq in den Städten große Sort{Hritte erreicht. Im „Iugendanit” 
‘fiebe oben) mürben alle diele Beftrebungen ihre zentrale Zulammenfajjung finden. 
Die Aufführung der vorfiehend gemwürbigten Maßnahmen beweift 
ion, wie fehljam die Aufftellung jener Statijtifer it, die einen n dt 
wendigen innern Zujammenhang zwilden dem Ger 
burtenrücdgang und der jinkenden Säugling3fterb- 
(ichkeit annehmen. Tatfadhe it allerdings, daß die Zahl der Geburten 
in den leßten Jahrzehnten {tark zurüdgegangen it, daß anderfeitz infolge 
de8 jteigenden Wohljtandes, der wadhfenden Einfiht und Belehrung über 
die GefundhHeitspflege, der Berbefferungen der Hffentliden, fozialen und 
Hysienifdhden Fürforge ufw. die allgemeine Sterblichkeit abgenommen hat 
und; daß dieje insbefondere auch den Säuglingen zugute gefommen ift. 
Diefe Zahlenreihen — SGeburtenriücgang und Minderung der Sterbezijfer 
— gehen aber felbfitändig nebeneinander Her, jede 
Hat ihre befondern Urjachen; ja oft genug find fie Jogar auch gegenläufig, 
wie das 3. B. Profeijor Dr. Oldenberg (Schmollers Jahrbuch 1916, Geft 2) 
nachweilt. 
Um unferfeit? nur ein Beifpiel Herauszuheben“ Weftfalen hat nad) Weftpreußen und 
Rofen die Höchite ehelihe Fruchtbarkeitziffer: 250,4 Geburten auf 1000 Chefrauen 
(von 15 bis 50 Sahren) gegenüber der DurchfHnittszijfer von 192,2 in Deutfchland, 
aber nur eine Sänuglingsfterblichfeit von 11,7 Prozent gegenüber dem DurchjhHnitt 
von 13,9. Bei Lippe betragen die Zahlen 211,9 und 9,2. — Soweit allerding? eine 
‚Rationalifierung‘ der Geburten bereits in die Lebensanffajfungen 
und Gewohnheiten Aufnahme gefunden hat, gibt jeder Todesfall Raum für ein ECrjaß- 
find, muß alfo umgekehrt ein Rüdgang der Sterbeziffer eine Minderung der Geburten» 
zahl zur Folge Haben, aber diefe Parallelität ijt weder ein natürliches noch ein wirt» 
[chaftliqges Gefjeg, fondern nur die Frucht fittlidher Verirrungen, 
Schon die von Statijtikern und Kinderärzten gemeinfam beftätigte 
Tatfache, daß in erfter Linie die Kinftlide Ernährung die große Kinder- 
Sterblichfeit verurfacht, ergibt, daß nicht die größere Kinderzahl in der 
ginzelnen Familie den Ausfhlag gibt. Denn daß die Muttermild) etwa bei 
ber fünften oder zehnten Geburt verfagt oder fich gefahrdrohend vermindert,
	        
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