Full text: Geburtenrückgang u. Sozialreform

DHige, Geburtenrücdgang und Soziclrejorm 
Das ijt das Entwidlungsbild, weldhes jich bei der Fabrikbejhäftigung 
der Arbeiterinnen leider nur allzu Läufig zeigt. Nur wo ein ftarker Sinn 
für Ordnung und Häuslichkeit den Frauen augeboren ift, oder wo Jie 
ion von einer vorjhauenden Mutter überlommen haben, wo ferner Sitte 
und Hertommen, fejte Beziehungen zur Sandbevöllerung und foriftige 
äußere Umjftände günftig einwirken, jehen wir ein erfrenlicdheres Bild. In 
den lebten Jahrzehnten it gewiß aud) durch die Erziehung, durch mancherlei 
öffentlide und private Wohlfahrtseinrihtungen und durch den fegens- 
reihen Einfluß der Standesvereine eine wejentlide Befferung erzielt 
morden. Im aroßen und ganzen bleibt das Problem noch zu Löfen. 
Wenn jhon die Fabrikbejhäftigung unverheirateter Arbeiterinien 
verderblid auf das Familienleben in unfern Juduftriebegirken einwirkt, 
jo wird fie doppelt und dreifach verhängnisvoll, wenn auch die ver- 
heirateten Frauen und Mütter der Fabrikbefhäftigung nach- 
gehen. Und doch ijt gerade für die Fabrikarbeiterin, die in ihren fungern 
Nahren die Arbeit in der Fabrik ehr Ihäßen gelernt hat al3 Die ftille, 
nicht auf Bivang und Zeit eingeftellte Häusliche Befchäftigung, die Ver- 
chung groß. Sie weiß ja ihre Zeit Im Haushalt gar nicht zu verwenden. 
Statt jeßt noch die Gelegenheit zu benußen, um in der Haushaltungskunde 
und unit nachzuholen, was bisher verfänmt ift, gehen in der Negel Mann 
und Frau zufanımen zur Fabrik, meijtenS aber auch nicht etiva, um für die 
Zuhunft vorzuforgen, Jondern fie find Jhon zufrieden, wenn fie die Schulden 
der erjten Einrichtung abzahlen. Um die Küche und die Hausarbeit zu [paren, 
gehen beide in Koft. Und wenn das erfte Kind die Kabrikbefchäftigung Der 
jungen Mutter unterbricht, wird aud) diejes baldigjt in Tagespflege gegeben 
und die Fabrik von neuem aufgejucht. Das geht fo weiter, biß die mit 
der Zahl der Kinder fich nıehrenden Pflegekoften, die gejchwäcten Körper- 
fräfte und vielleıdht aud die Einfiht, daß die Verfännimitjle im Haufe, 
die Verwahrlohung der Kinder und die Entfremdung des Mannes durch 
den Hingenden Verdienft nicht ausgeglichen werden, zu dem EntiHhluß 
jühren, die FabrikbefHäftigung aufzugeben. Der Wegfall des Mitverdienftes 
der Frau wird jegt aber natürlich doppelt Hart empfunden. Und ob dann 
die Frau noch die Kraft gewinnt, {ich dem Haushalt und der Kinderpfleae 
mit Erfolg zu widmen, erfcdheint fraglich. 
Die Zahl der in Fabriken bejhäftigten verheirateten Frauen berrug 1890 in Deutich- 
jand 180.079. Nach den Berichten der Gemwerbheinfpektoren, von 1899 waren von den 
damals befchäftigten fait 900 000 Arbeiterinnen 279 8334 verheiratet, verlvittvet oder 
geihieden. In Preußen beirug diefe Kahl 93 850 (gegen 54 556 im Jahre 1890), in 
Sachfen 50 762 (gegen 28000), in Bayern 28 115, Mürttemberg 8762, Heffen 3320 
EMaß- Lothringen 11 652. Falt die Hälfte der Frauen kam auf die Tertilinduftrie; außer 
dem auf Nahrungs: und Genußmittel (vor allem Tabaf- und Zigarreninduftrie): 39 080 
Bekleidung und Reinigung: 13 156, Papier (insbelondere Qumpenfortiererer): 11040 
Steine und Erden: 19475,
	        
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