fullscreen: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

42 
Zweiter Teil. Handel. I. Die Volkswirtschaft. 
durch das Freiwerden der Rentenfonds eine bedeutend größere Beweglichkeit und 
Akkumulationskraft; zu dem bis dahin allein vorhandenen Handelskapital trat das 
Leihkapital; beide ergänzten und verstärkten einander in ihrer weiteren Entfaltung. 
Die nächste Folge war ein bedeutender Aufschwung des Handels. Einzelne 
Städte beginnen aus der gleichartigen Masse der mittelalterlichen Markt- und Hand 
werkerstädte sich als Mittelpunkte der Staatsverwaltung oder als Handelsplätze zu 
erheben. In Deutschland, das durch den Zerfall der Hansa und die Veränderung 
der Weltverkehrsstraßen seine Bedeutung für den Zwischenhandel nach dem Norden 
großenteils eingebüßt hatte, zeigt sich der Umschwung wenigstens in der steigenden 
Bedeutung der großen Messen und in dem Zurücksinken der lokalen Märkte. Die 
Frankfurter Messe erreichte ihren Höhepunkt im 16. Jahrhundert, die Leipziger noch 
bedeutend später. Aber das Handelskapital begnügt sich bald nicht mehr mit dem Im 
port und Umschlag fremder Produkte; es wird zum Verlagskapital für die einheimische 
Industrie und für die Überschüsse des bäuerlichen Hauswerks. Es entsteht die arbeits 
teilige Massenproduktion in Manufakturen und Fabriken und mit ihnen der Lohn 
arbeiterstand. Es entwickelt sich an Stelle der mittelalterlichen Wechselbank zuerst 
die Depositen- und Girobank und dann die moderne Kreditbank. Das Transport 
wesen, welches früher nur einen integrierenden Teil des Handelsbetriebs gebildet hat, 
verselbständigt sich. Es entstehen die Staatsposten, die Zeitungen, die nationale 
Handelsflotte; es bildet sich das Versicherungswesen aus. Überall neue Organi 
sationen, welche darauf berechnet sind, die wirtschaftlichen Bedürfnisse vieler zu be 
friedigen: eine nationale Industrie, ein nationaler Markt, nationale Verkehrsanstalten: 
überall das kapitalistische Unternehmungsprinzip des Handels. 
Es ist bekannt, wie der absolutistische Staat diese Bewegung förderte, wie er 
oft genug, um die Entwicklung zu beschleunigen, künstlich ins Dasein rief, was nicht 
aus eigener Kraft emporkommen wollte. Trotzdem bestand, wenigstens in Deutsch 
land, bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts die alte stadtwirtschaftliche Rechtsordnung 
mit Zunft und Bann, mit Meilenrecht und Städtezwang fort, wenn auch vielfach 
durch die Landesgesetzgebung beschränkt, — in sich selbst erstarrt und unbekümmert 
um das neue volkswirtschaftliche Leben, das ringsum aufsproßte, und um die Fülle 
neuer Verkehrserscheinungen, die es gezeitigt hatte. Als die Physiokraten und Adam 
Smith die letzteren in Frankreich und Großbritannien der wissenschaftlichen Beob 
achtung unterwarfen, haben sie merkwürdigerweise vollständig übersehen, daß es 
sich nicht um ein spontan gewordenes Ergebnis rein gesellschaftlicher Betätigung, 
sondern mit um eine Frucht erzieherischer Staatstätigkeit handelte. Die Schranken, 
deren Beseitigung sie verlangten, waren entweder die versteinerten Überreste der 
älteren Wirtschaftsstufen, wie die Grundlasten, die Zünfte, die lokalen Zwangs 
rechte, die Beschränkungen der Freizügigkeit, oder es waren Erziehungsmittel des 
Merkantilismus wie die Monopole und Privilegien, welche wegfallen konnten, nach 
dem sie ihren Zweck erfüllt hatten. 
In Beziehung auf die Entwicklung der Volkswirtschaft hat der bürgerliche 
Liberalismus der letzten hundert Jahre nur fortgeführt, was der fürstliche Absolutis 
mus begonnen hatte. Wenn man das so ausspricht, so kann es leicht als Wider 
sinn erscheinen. Denn äußerlich betrachtet, hat der Liberalismus nur zerstört, 
er hat die überlebten Organisationsformen der Haus- und der Stadtwirtschaft 
zerschlagen und nichts Neues aufgebaut. Er hat die Sonderstellung und die 
Sonderrechte einzelner Landesteile und einzelner sozialer Gruppen beseitigt, freie 
Konkurrenz und Rechtsgleichheit an die Stelle gesetzt. Aber wenn er so das Über 
kommene in seine Elemente aufgelöst hat, so hat er zugleick die Bahn für wirklich 
volks wirtschaftliche Neugestaltungen freigemacht, und er hat es ermöglicht, daß
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.