Object: Ferdinand Lassalle

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Dafür habt Ihr mir aber auch, ich muß es gestehen, ein 
unendlich großes Vergnügen, einen wirklichen Seelen 
genuß durch Euern Brief, so voll von Atem reinster 
Vaterliebe, gewährt, der mich am Tage meines Geburts 
festes begrüßte! Was soll ich zu dem Angebinde sagen, 
das Ihr mir geschickt? Es spricht sich eine so tiefe wie zarte 
Charakterkenntnis darin aus. Der heilige Ungarwein 
hat seit je zu den Genüssen gehört, die mir mit am teuer 
sten waren und am meisten Wirkung auf mich äußerten. 
In dem Feuer der Kraft und in der edlen Herbigkeit 
dieses Weines liegt etwas meiner Natur Verwandtes! 
Wie kein anderer vermag er mich zu begeistern! Habt 
Dank für Eure Liebe, Eure Güte, Eure Sorgfalt und 
Euer zartes Sinnen, Freude mir zu bereiten. Dieser 
Vorsatz ist Euch im höchsten Grade gelungen, und ich 
weiß, daß Euch nichts so freuen kann als diese Gewißheit! 
Oft werde ich von diesem Weine trinken, und jedes 
mal, wenn er, die Pulsschläge mir vermehrend, größere 
Kraft und kühneren Atem mir in die Seele haucht, 
werde ich der Liebe denken, die ihn sandte! Hart geh' 
ich durchs Leben; alle weicheren Regungen des Herzens 
unterdrückend, führt mich mein Pfad von Felsgeröll 
zu Klippe und Gestein, und mit der Art muß ich den 
Weg mir bahnen. Im steten Kampf, der um mich tobt 
und stets bereite Kraft verlangt, müssen des Herzens 
sanfte Regungen, muß jede süßere Wehmut schweigen! 
Dafür verlangt mich mehr nur als die andern von 
Zeit zu Zeit, in langem Zwischenraum, und sei's des 
Jahrs einmal, im Ozean der Liebe mich zu baden, 
unterzutauchen in die heiligen reinen Wogen und neue 
Kraft und neue Unverwundbarkeit aus ihnen mir zu
	        
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