Full text : Finanzwissenschaft

VI

Vorrede.

rücksichtslos  ihre  Wege  gehen  will,  unbekümmert  um  die  höheren
Anforderungen  der  Steuertheorien.  Es  wird  vielleicht  der  Arbeit
vieler  Jahre  bedürfen,  um  wieder  auf  den  Weg  rationeller  Besteuerung ­
  einzulenken.
Eine  weitere  Folge  der  durch  den  Krieg  den  Völkern  aufgebürdeten ­
  immensen  Lasten  erblicke  ich  darin,  daß  früher  oder
später  die  Erkenntnis  reifen  muß,  daß  es  wahrscheinlich  überhaupt
nicht  möglich  sein  wird,  die  Anforderungen  des  Staates  auf  dem
Wege  der  Besteuerung  zu  befriedigen.  Unzweifelhaft  werden  noch
neue  Steuern  eingeführt  werden,  werden  die  alten  Steuern  erhöht,
die  Steuermaschine  vervollkommnet  werden,  bald  aber  werden  alle
Möglichkeiten  erschöpft  sein.  Die  Steuerschraube  wird  ihre  Leistungsfähigkeit ­
  erschöpft  haben.  Und  was  dann?  Uns  scheint  hier  der
Anfangspunkt  einer  neuen  Entwicklung  zu  liegen,  die  unter  anderem
auch  dahin  führen  wird,  daß  der  Staat,  dem  ohnehin  für  eine  lange
Zeit  die  Führung  im  volkswirtschaftlichen  Leben  überlassen  sein
wird,  an  den  Besultaten  der  Produktion  sich  einen  Anteil  vorbehalten ­
  wird.  Der  Staat  und  seine  Organe,  seine  Institutionen
gewinnen  eine  so  wichtige  Bedeutung  für  die  ganze  Produktion,
daß  diese  Entwicklung  naturgemäß  zu  sein  scheint.  In  Ungarn  hat
der  Finanzminister  sich  eine  Beteiligung  an  einem  bestimmten  Preisüberschuß ­
  beim  Spiritus  gesichert,  dasselbe  kann  in  erster  Reihe
auch  bei  anderen,  der  Verzehrungssteuer  unterliegenden  Industriezweigen, ­
  beim  Zucker,  Bier  platzgreifen.  Der  Staat  hat  einen  Anteil ­
  am  Gewinn  der  Zettelbank,  warum  nicht  auch  am  Gewinn
anderer  Banken,  am  Gewinn  der  Versicherungsanstalten  usw.?  Der
Staat  hat  die  Kriegsgewinne  mit  exorbitanten  Steuerfüßen  belastet,
warum  könnte  mit  der  Zeit  dies  nicht  auf  alle  Konjunkturalgewinne, ­
  auf  die  ein  hohes  Maximum  übersteigende  Gewinne  Anwendung ­
  finden?  Die  Produktion  in  allen  ihren  Zweigen  nimmt
so  sehr  die  Mitarbeit  des  staatlichen  Organismus  in  Anspruch,  die
staatlichen  Bureaus  und  Anstalten  leisten  eine  so  außerordentliche
Arbeit  im  Interesse  der  Produktion,  daß  die  erwähnte  Gestaltung
nicht  so  sehr  überraschend  wäre.  Wo  die  Voraussetzungen  dafür
geboten  sind,  kann  auch  an  Stelle  der  Gewinnbeteiligung  natürlich
die  Verstaatlichung  der  Betriebe  eintreten.  Ob  praktisch  diese  Gestaltung ­
  eintreten  wird,  bleibt  der  Zukunft  anheimgestellt,  so  viel
darf  aber  mit  ziemlicher  Bestimmtheit  ausgesprochen  werden,  daß
die  kolossalen  Ansprüche  und  Bedürfnisse  des  Staates  einzig  und
allein  auf  dem  Wege  der  Besteuerung  nicht  zu  befriedigen  sein
werden.
Der  Staat  hat  im  Laufe  des  Krieges  die  Prärogative  des
            
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