Die Gruppe der Unentwegten
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liberalen Schule. Letzter Schüler Bastiats 1 ) und jedenfalls
der treueste und begeistertste, hat er seit mehr als vierzig
Jahren den Freihandel, den sozialen Frieden, die Ersetzung des
Krieges durch internationale Schiedsgerichte, wie überhaupt
alles Große und Edle mit einer Überzeugung und einem Feuer
verteidigt, die weder die Enttäuschung noch das Alter abzu
kühlen vermochten. Er versteht es vortrefflich, Vorträge zu
halten, ist mehr Redner als Theoretiker. Man findet etwas in
ihm vom Geiste Bastiats und etwas von der Weisheit Franklins.
Aber neue Ideen darf man bei ihm nicht suchen“ 2 ).
Passys zahlreiche Publikationen sind entweder Gelegen
heitsschriften, oder Sammlungen von Vorträgen. Er schreibt
äußerst lebendig und eindringlich. In der Polemik kann er
rücksichtslos scharf werden. Geradezu faszinierend ist sein auch
heute noch von jugendlichem Feuer durchglühter Vortrag. In
haltlich ist Passy bei Bastiat stehen geblieben. Für ihn ist
Bastiat das letzte Wort der Wissenschaft, das allein selig
machende Evangelium. Passys Vérités et Paradoxes (1894) sind
eine Fortsetzung der Sophismes Bastiats. Die kleine Schrift unter
nimmt es, gewisse alltägliche Redensarten von volkswirtschaft
lichen und moralischen Gesichtspunkten aus zu widerlegen, z. B.
„Der Gewinn des einen ist der Schaden des andern“ ; „Wer
sein Vaterland liebt, muß das Ausland hassen“ ; „Si vis pacem
para bellum“ usw. In den 60er und 70er Jahren des XIX. Jahr
hunderts war Passys Tätigkeit eine wesentlich propagandi
stische ; soweit der Pazifismus in Frage kommt, ist sie das auch
heute noch. Die Fortschritte des Interventionismus auf wirt
schaftlichem Gebiet in den letzten Jahrzehnten haben ihn jedoch
in eine defensive Stellung gedrängt, aus welcher heraus er un
ermüdlich und mit unerschütterlichem Glauben an den end
gültigen Sieg des Freihandelspostulats und der Selbsthilfe auf
sozialpolitischem Gebiete, Pfeil um Pfeil gegen die heutige Rich
tung der Wirtschaftspolitik sendet. Seine Argumente entnimmt
er samt und sonders den Schriften Bastiats 3 ).
0 Den er zwar persönlich nicht kannte, dessen gesamte, hinterlassene
Manuskripte er aber besitzt.
2 ) Ch. Gide, loe. cit. in Schmollers Jahrbuch, 1895, p. 717—718.
3 ) Vgl. F. Passy, Pages et Discours, Paris 1901 ; La loi de la vie, abon
dance ou disette, Paris 1908 usw.
de Waha, Die Nationalökonomie in Frankreich.
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