III. Abschnitt. Begriff und Geschichte der Staatshaushaltslehre. 27
neuen, nach acht Jahren erschienenen Ausgabe ausspricht: „Was
die Theorie betrifft, so hat dieselbe gar keine Veränderung erlitten.“
Während doch in jenen acht Jahren auf dem Gebiete der Theorie
bedeutende geistige Bewegungen sich kundgaben. Im allgemeinen
ist die vergleichende Gesetzgebung und die vergleichende Statistik
gegenüber der theoretischen Finanzwissenschaft überwiegend.
Ohne besonders zu übertreiben, könnten wir sagen, daß die
großen Vertreter der klassischen Nationalökonomie in England von
der eigentlichen Finanz Wissenschaft eine unklare Vorstellung hatten
oder dieselbe bewußt ignorierten. Über den Staatshaushalt, über
die finanzielle Natur der Staatseinnahmen, über die wichtigsten
Einnahmequellen und die finanzielle Einrichtung finden wir kaum
Andeutungen. Immer wird nur die Frage erörtert, aus welchen
Einkommen gewisse Steuern gezahlt werden, ob aus dem Einkommen
oder aus dem Kapital, und wenn aus dem Einkommen, ob aus dem
Einkommen des Grundbesitzers, des Kapitalisten oder des Arbeiters,
ob aus der Bente, dem Kapitalzins oder dem Arbeitslohn? Welchen
Einfluß die Steuer auf den Preis der Güter ausübt und wenn der
Preis nicht um den ganzen Betrag der Steuer erhöht werden kann,
welche Folgen dies nach sich zieht ? Aber auch in dieser Bezie
hung werden in der Regel nur die englischen Verhältnisse vor Augen
gehalten, die wie wir wissen, ganz eigentümlicher Natur sind.
Höchstens werden noch dem Staatskredit einige Betrachtungen ge
widmet. So namentlich Ricardo.
Die letzten Jahrzehnte haben einen bedeutenden Aufschwung
der finanzwissenschaftlichen Literatur gebracht. Theoretische und
praktische Finanzwissenschaft hat aus den neueren Forschungen
großen Vorteil gezogen. Die groß angelegten Arbeiten von Schanz,
die feinen Untersuchungen von Cohn und Neumann, die systema
tischen Werke von Heckei und Eheberg, bei den Franzosen die
Arbeiten von Stourm und Jeze, bei den Engländern die von Ba
stahle und Nicholson, bei den Italienern die von Ricca Salerno,
bei den Ungarn Kautz, bei den Amerikanern die Arbeiten von
Seligmann und Adams, haben nach den verschiedensten Richtungen
zur Förderung der Wissenschaft beigetragen.
Es gibt Wissenschaften, sagt Leroy-Beaulieu, die mit heiterer
Nachsicht auf jene herabblicken können, die dieselben verachten.
Die Finanzwissenschaft aber nimmt fürchterlich Rache an jenen
Regierungen, die dieselbe vernachlässigen oder sich derselben
widersetzen.
Die Finanzwissenschaft gebietet auch über eine ausgezeichnete
Zeitschrift, das von Schanz redigierte „Finanzarchiv“, das eine