Full text : Finanzwissenschaft

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6.  Buch.  Die  Verwaltung  des  Staatshaushaltes.

«

solchen  Perioden  vor  sich  gehen,  wenn  überhaupt  das  ganze  Staatswesen ­
  große  Umgestaltungen  durchmacht.  Dies  ist  die  natürliche
Folge  der  Relativität,  der  Wechselwirkung  der  staatlichen  Institutionen. ­
  Unter  diesem  Konservativismus  ist  aber  nicht  etwa  das
hartnäckige  Kleben  an  Veraltetem  zu  verstehen;  ist  ja  das  Staatsleben ­
  im  steten  Fluß  von  Werden  und  Vergehen,  der  morgige  Tag
findet  schon  Verhältnisse,  die  heute  nicht  waren.  Das  vorsichtige
Weiterentwickeln  sei  die  Maxime  des  Finanzministers.  Er  habe
einen  starken  Willen  und  verschaffe  demselben  Geltung  („Däs  qu’il
ne  commande  pas,  il  est  commands").  Das  oberste  Organ  muß
ferner  ordnungsliebend  sein,  wenn  auch  nicht  pedantisch,  denn  in
den  materiellen  Dingen  ist  die  Ordnung  die  Hälfte  des  Erfolges.
Ein  Finanzminister,  der  die  Bestätigung  von  auf  Millionen  sich  belaufenden ­
  Summen  auf  einem  auf  einer  Seite  bereits  beschriebenen
Blatte  ausstellt,  kann  den  Staatshaushalt  an  den  Rand  des  Abgrundes
führen.  Jenes  Organ  sei  ferner  vorsehend,  denn  sonst  fehlt  die
planmäßige  Führung  des  Staatshaushaltes  und  unangenehme  Überraschungen ­
  können  den  Finanzen  Krisen  bereiten.  Ein  Minister,
der  am  Fälligkeitstermine  einer  Schuld  von  einem  Kreditinstitut
zum  andern  läuft,  oder  die  Kreuzer  des  Brückenzolles  einer  staatlichen ­
  Brücke  zusammenscharren  läßt,  um  seineu  Verbindlichkeiten
zu  genügen,  wird  nicht  nur  unendliche  Schäden  verursachen,  sondern
die  Regierung  auch  lächerlich  machen  1 ).
Ich  kann  mir  nicht  versagen,  einiges  aus  jenem  ebenso  denkwürdigen ­
  als  lehrreichen  Briefe  hier  anzuführen,  den  Turgot  bei
seiner  Ernennung  zum  Finanzminister  an  den  König  richtete:
„  .  .  .  Majestät  werden  nicht  vergessen,  daß  ich  bei  Annahme  des
Postens  des  Finanzministers  vollauf  den  Wert  des  Vertrauens  gefühlt ­
  habe,  womit  sie  mich  beehrte;  ich  habe  gefühlt,  daß  sie  mir
das  Elend  ihrer  Völker  und  wenn  es  erlaubt  ist  zu  sagen,  die  Sorge
ihrer  Person  und  ihre  Autorität  geliebt  zu  werden,  anvertraue.
Aber  zu  gleicher  Zeit  habe  ich  die  volle  Gefahr  gefühlt,  der  ich
mich  aussetze.  Ich  habe  vorhergesehen,  daß  ich  allein  dastehe,  um
gegen  Mißbräuche  aller  Art  zu  kämpfen,  gegen  die  Anstrengungen
jener,  die  aus  diesen  Mißbräuchen  Gewinn  ziehen;  gegen  die  Menge
von  Vorurteilen,  die  sich  jeder  Reform  entgegensetzen  und  die  ein
so  mächtiges  Mittel  sind  in  den  Händen  jener,  die  an  der  Verewigung ­
  der  Unordnung  interessiert  sind.  Ich  werde  sogar  gegen
l )  Mit  welcher  Leichtfertigkeit  das  Finanzportefeuille  vergeben  wird,  das
mag  die  Tatsache  illustrieren,  daß  z.  B.  in  Österreich  im  Verlaufe  eines  halben
Jahrhunderts  kaum  3—4  geeignete  Männer  diesen  Posten  bekleideten,  hiervon
abgesehen  unwissende,  oft  geradezu  gefährliche  Persönlichkeiten.
            
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