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Seehäfen int Mittelalter und in der neueren Zeit.
zur syrischen Küste rechnete man eine Fahrtdauer von 85 Tagen. Auch in den nächsten
Jahrhunderten hielt die Blüte Marseilles an, bis mit dem sinkenden Levantehandcl auch
in diesem Emporium ein unvermeidlicher Niedergang eintrat. Mit der Eroberung Algiers
im ersten Drittel unseres Jahrhunderts beginnt nach einem wechselvollen Geschick die stark
aufwärts strebende neue Epoche, tvelche durch die Wiedererschließung des Mittelmeeres
für den Weltverkehr durch den Kanal von Suez der alten Handelsstadt eine ganz un
vorhergesehene Bedeutung verliehen hat.
Einer größeren Anzahl der mittelalterlichen Seehäfen und so auch dem damals
bereits bedeutendsten deutschen Seehandelsplatz Hamburg kam der Umstand außer
ordentlich zu gute, daß sie von Wasserlänfen durchzogen waren. An diesen Wasser
straßen, in Hamburg Flete genannt, wurden die Speicher erbaut. Diese Kanäle ver
liehen vielen Städten ein außerordentlich malerisches Aussehen, das sich zum Teil bis
in die Jetztzeit erhalten hat.
Mit dem gegen Ende des 18. Jahrhunderts eingetretenen Umschwung auf dem
Gebiete des Verkehrs und des Handels wurde erklärlicherweise auch eine den veränderten
Verhältnissen entsprechende Ausgestaltung der Seehäfen nötig. Diese Notwendigkeit
machte sich in besonders starkem Maße zuerst in England gebieterisch geltend. Für die
frühere geringfügige Flotte, deren größte Schiffe nur einen Fassungsraum von 80 Tonnen
besaßen, waren lange Zeit Hafenanlagen und alle jene Vorrichtungen, wie wir sie in
den modernen Anlagen dieser Art zu erblicken gewohnt sind, nicht erforderlich gewesen.
Viele Orte und so auch London, Bristol, Hüll, Chester, Boston u. s. w. besaßen in ihrer
Flußlage die genügenden Hafenanlagen. Das Gleiche galt für die damaligen deutschen
Seehafenstädte, in erster Linie für Hamburg.
Die Schiffe waren aber auf ihren Liegeplätzen auf der Themse in hohem Grade der
Gefahr des Zusammenstoßes ausgesetzt; dazu kam, daß auf dem Flusse eine förmlich
organisierte Räuberei bestand, deren jährlicher Ertrag sehr hoch geschätzt wird. Dieser
Umstand trug mit dazu bei, daß in den Jahren 1800—1802 von dem Ingenieur
William Jessop das erste Dock (das westindische) erbaut wurde. Gleichzeitig mit diesem
Werke war von Rennie der Bau des London-Docks in Angriff genommen worden.
Bei diesem Bau kamen zum erstenmal in ausgedehntem Maße Dampfmaschinen zum Be
treiben der Baumaschinen, lute Rammen, Mörtelmühlen, Pumpen u.s. w. zur Verwendung.
Seitdem hat der Seehafenbau eine große Ausdehnung gewonnen. Wie sich bei
den Flußschiffen das Bestreben nach einer beständigen Vergrößerung des Tiefganges
bemerkbar macht, so gilt ein gleiches und zwar in noch erhöhterem Maße für die See
schiffe. Die Voraussetzung dieses wachsenden Tiefganges ist die Zunahme der Wasser
tiefe in dem Zugänge zu den Häfen und in deren Teilen selbst.
Wir haben bereits in dem Abschnitte über die Flußkorrektionen die Mittel kennen
gelernt, die für die Stromvertiefung zur Anwendung kommen, und wollen nunmehr einen
Blick auf die Kunst des Seehafenbaues werfen.
Die Anlagen für die Seeschiffahrt gehören zu den größten und wichtigsten Auf
gaben des Wasserbaues. Die offene See selbst, die Trägerin des Welthandels und Ver
mittlerin des Verkehrs von Weltteil zu Weltteil ist jeder Einwirkung der Menschenhand
unzugänglich. Damit das Schiff durch den endlosen, bald spiegelglatten, bald durch
Stürme tief aufgewühlten Ozean gefahrlos seine Straße zieht, ist es vom Schiffs
baumeister aus starken Eicheuplanken oder aus dünnen Stahlplatten fest zusammengefügt
und mit Segeln oder Dampfmaschine, oder mit beiden ausgestattet, um mit dem Wind
oder auch gegen den Wind sein fernes Ziel zu erreichen. .Nähert es sich diesem Ziel,
so weisen ihm Leuchttürme, Baken und Tonnen den sicheren Weg zum Hafen; zwischen
weit nach der Reede hinaus gebauten Molen, gleich ausgestreckten Armen, gewinnt es
die Einfahrt zum Hafen und sucht sich an den Hafenmauern eine Liegestelle zu kurzer
Ruhe. Kräne in allen Formen, von Dampf-, Wasser- und elektrischer Kraft bewegt, und
sonstige Aufzugs- und Löscheinrichtungen befreien das Schiff von seiner Last, so daß
es sich erleichtert hebt, um aber alsbald, mit neuer Fracht aus den langgestreckten
Speichern am Ufer oder aus den endlosen Bahnzügen beschwert, wieder in die weite See