132 II. Lübecker Familien und Persönlichkeiten aus der Frühzeit der Stadt
den alten Grundbesitz der Familie mit hohen Renten — wir würden sagen
mit Hypothekenschulden — sie arbeiten nicht mehr, jedenfalls nicht mehr
mit wirtschaftlichem Erfolg, können die Zinsen nicht aufbringen oder die
Renten nicht bezahlen. Als letztes Wertobjekt wurde das Haus der Löwen-
apotheke 1312 verpfändet, und als im März 1313 die Schulden nicht ab-
getragen werden können, wird das Haus verkauft und fällt an die Familie
Clendenst. Es muß für die Matrone, die immer noch in dem Hause
wohnte, ein betrübendes Gefühl gewesen sein, wenn sie an die Zeiten des
Glanzes zurückdachte, an die Zeiten vorhergegangener Generationen, und
nun sehen mußte, wie’sie selbst schließlich unter sehr erniedrigenden Um-
ständen das Haus verlassen mußte. Ähnlich erging es andern Gründer-
familien, so den Fiefhusen. Auch die Bardewik und Warendorp haben
sich nur mit Mühe und Not behauptet und nur soweit, als wirklich wirt-
schaftlich energische Persönlichkeiten unter ihnen wieder hochkamen, die den
alten Lebensnerv zu nutzen imstande waren®): Das war der Fernhandel; jetzt
mit Hilfe der Schriftlichkeit in einem bisher unerhörten Grade von Intensität
betrieben.
Auf den Fernhandel ist die ganze Entwicklung Lübecks in dieser Zeit ein-
gestellt und sein eigentlicher Träger ist das starke Individuum. Seinen Inter-
essen fügte sich in Lübeck auch die Gestaltung der Rechtsordnung. Die Ver-
fügung des einzelnen über die Grundstücke war in Altdeutschland sehr stark
begrenzt zugunsten der Familien, so daß der einzelne namentlich über Grund-
stücke nicht allein verfügen konnte. Dem egoistischen Zuge der Kolonisations-
zeit paßte sich aber das Lübecker Recht an. An die Spitze stellte es den Satz,
daß jeder über selbsterworbenes Gut frei verfügen könne; und wenn es auch
im Liegenschaftsrecht die Bindungen durch das Erbrecht der Blutsver-
wandten anerkannte, so gab es doch den überaus häufig benutzten Ausweg
an die Hand, die Liegenschaften durch Rechtsfiktion als „fahrende Habe“
zu behandeln und damit der freien Verfügung des einzelnen anheimzustellen.
Der wirtschaftliche Individualismus triumphierte und hatte zur Folge,
daß starke Persönlichkeiten — homines novi — in rücksichtsloser
Weise die Konjunktur ausnutzten. So wird verständlich, daß einige kauf-
männisch besonders begabte Leute es verstanden, Vermögen in einer Höhe
zusammenzubringen, die das, was Generationen vorher geschaffen hatten,
in den Schatten stellten. Deswegen waren diejenigen, die sich frühzeitig zur
Ruhe gesetzt hatten, eines Tages de facto arm, wenn sie auch noch den
Reichtum der Vorfahren zu besitzen glaubten. Der Typ dieser homines novi,
die gewissermaßen aus dem Nichts hochgekommen waren, war Bertram
Morneweg. Nach der Sage ist er als armer junger Mensch hinausgekommen
nach Nowgorod, als Handelsgehilfe seines Prinzipals, und soll in ganz kurzer Zeit
glänzenden Reichtum erworben haben. Zweifellos steht fest, daß er nichts
mit den alten Gründerfamilien zu tun hat, daß er ohne Grundbesitz anfing,