Full text : Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

111. Lübecker Familien und Persönlichkeiten aus der Frühzeit der Stadt 131

So sehr nun auch diese Gründerfamilien in der Grundbesitzverteilung in
der Stadt und der Stadtmark bevorzugt waren, so wenig hätte der wirtschaftliche
 Wert dieses Grundbesitzes allein ausgereicht, die Führung in
der Hand zu behalten, Trotz ihres wertvollen Grundeigentums erhielten sie
sich nur solange wirtschaftlich leistungsfähig, als sie selbst am Fernhandel
teilnahmen. In der Tat sind im 13. Jahrhundert die Bardewik in Riga und
Flandern als Kaufleute nachweisbar; die Bochholt begegnen im Wachshandel
 in Nowgorod, im Mehlhandel mit Norwegen, die Koesfeld im englischen
 Handel. Wenneinige auf den Gedanken verfielen, ein bequemes Rentnerjeben
 zu führen, dann ist das ihnen noch im 13. Jahrhundert schlecht bekommen.
 Das Lübeck des späteren 13. Jahrhunderts erlebte eine Zeit
ylänzenden Aufstiegs und günstiger wirtschaftlicher Konjunktur. Fortgesetzt
jildeten sich aus reiner Handelstätigkeit Vermögen von steigendem Umfang.
Deshalb war für Leute, die als Rentner in Behaglichkeit oder gar im Wohlleben
 einer jeunesse dorege ihr Leben verbringen wollten, einfach kein Platz.
Bitter hat das die Familie der Stalbuk an sich erfahren. Sie war aus der
Gründungszeit der Stadt eine der bestbegüterten; 15 Marktbuden mit einer
hohen Miete waren noch gegen Ende des 13. Jahrhunderts ihr eigen, dazu
eine große Kurie auf dem Gelände des heutigen St. Annenmuseums mit AckerjJand
 vor dem Mühlentor, mehrere Getreidespeicher, Backhäuser, Bauareale,
Wohnhäuser, Wortzins aus bereits parzelliertem Bauland, und vor allem als
eigenes Stammhaus der Familie das schöne Haus der Löwenapotheke. Dieses
ist nicht nur kunstgeschichtlich so kostbar, weil es eins der wenigen deutschen
Profanbauten romanischer Architekturprägung ist, sondern es ist zugleich ein
deutliches Symbol der wirtschaftlichen Kraft und des sozialen Ansehens der
Familie, die es geschaffen hat. Vermutlich geht es zurück auf den ersten Ratsherrn
 Bertram Stalbuk, der von 1229 bis 1236 nachweisbar, sich in vortrefflicher
 Vermögenslage befindet. Es genügt ein Hinweis auf die reichliche Mitift,
 die seine Witwe ihrem zweiten Mann, Siegfried Bocholt, auch einem Mitgliede
 einer angesehenen Gründerfamilie, mitbringt, wie denn auf den Reichtum
 der erwählten Frau stefs ein besonderer Wert gelegt wurde. Aber sehr
bald sieht es in der Familie Stalbuk ganz anders aus. Der Sohn dieses Ratsherrn
 ist auch noch Ratsherr gewesen. Er war wohl schon in vorgerückten
Jahren eine zweite Ehe eingegangen mit einer Frau, die ihn lange überlebte.
Seiner Witwe hatte er die lebenslängliche Nutznießung an dem Haus der
neutigen Löwenapotheke bestimmt. Noch zu ihren Lebzeiten ging die
Familie ihrem vollständigen Verfall entgegen. Ihre Stiefsöhne, die Söhne
des zweiten Ratsherrn Bertram Stalbuk aus erster Ehe, gingen wirtschaftlich
 bereits außerordentlich zurück, und der Enkel hat das letzte, was die
Familie besaß, durchgebracht. Damit war es mit der Familie zu Ende.
Deutlich läßt sich dieser Vorgang aus den trocknen Eintragungen des
Lübecker Grundbuchs ablesen: Zunächst belasten die Söhne und Enkel
            
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