Kap. II.
Folgerungen aus Tatsachen.
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Entfernungen, in welche Geschichte, Tradition und Altertümer ein in
schwachen Schimmern sich verlierendes Licht werfen, große Bevölke
rungen. während dieser langen Perioden ist das Bevölkerungsprinzip
nicht stark genug gewesen, um die Erde zu füllen oder nur soweit zu füllen,
daß wir eine wesentliche Vermehrung ihrer Gesamtbevölkerung klar
erblicken könnten. )m Vergleich mit ihrer Fähigkeit, Menschenleben
zu unterhalten, ist die Erde als Ganzes noch immer äußerst gering be
völkert.
Es gibt eine andere offenkundige Tatsache, die jedem ausfallen
muß, der beim Nachdenken über diesen Gegenstand seinen Blick über
die moderne Gesellschaft hinauslenkt. Der Malthusianismus ver
kündet als allgemeines Gesetz, daß es die natürliche Tendenz der Be
völkerung sei, über ihre Unterhaltsmittel hinaus zu wachsen. Besteht
ein solches Gesetz, so muß es überall, wo die Bevölkerung eine gewisse
Dichtigkeit erreicht hat, so offenbar sein wie irgendeines der großen
Naturgesetze, die überall anerkannt worden sind, wie kommt es dann,
daß wir weder in den klassischen Dogmen und Gesetzbüchern, noch in
denen der Juden, der Ägypter, der Hindus, derLhinesen oder irgendeines
anderen der Völker, welche in enger Gemeinschaft gelebt und Religionen
und Gesetzbücher gegründet haben, nur irgendwelche Vorschriften,
die den vorbauenden Hemmungen von Malthus entsprächen, finden;
sondern daß im Gegenteil die Weisheit der Jahrhunderte, die Religionen
der Völker stets )deen bürgerlicher und religiöser Pflicht eingeprägt
haben, die das genaue Gegenteil dessen sind, was die herrschende National
ökonomie lehrt und was Annie Besant jetzt in England volkstümlich
zu machen sucht.
Auch muß daran erinnert werden, daß Gesellschaften bestanden
haben, in denen der Staat jedem seiner Mitglieder Beschäftigung und
Unterhalt garantierte. )ohn Stuart Mill sagt (Buch II, Rap. XII,
Abschn. II), daß dies ohne Regulierung der Heiraten und Geburten
seitens des Staats allgemeine Armut und Erniedrigung herbeiführen
müsse. „Diese Folgen", sagt er, „sind von geachteten Schrifstellern so
oft und so klar gezeigt worden, daß Unkenntnis derselben seitens ge
bildeter Personen nicht länger verzeihlich ist." Dennoch scheint man in
Sparta, in Peru, in Paraguay, sowie in den Rommunen, welche fast
überall die ursprüngliche Landwirtschaftsorganisation gebildet zu haben
scheinen, in vollständigster Unwissenheit über diese schrecklichen Folgen
einer natürlichen Tendenz gewesen zu sein.
Außer d.en von mir angeführten allgemeinen Tatsachen gibt es
andere, jedem bekannte, welche vollständig unvereinbar mit einer so
überwältigenden Vermehrungstendenz erscheinen. wenn dieselbe
so stark ist, wie Malthus voraussetzt, wie kommt es dann, daß so oft
Familien aussterben — Familien, in denen der Mangel unbekannt ist?
wie kommt es, daß, wenn durch erbliche Titel und erbliche Besitzungen
nicht bloß der Vermehrung, sondern auch der Erhaltung der Geschlechts