Kap. III.
Der Zins und dessen Ursache.
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der Zinsfuß nicht von der Produktivität der Arbeit und des Kapitals
abhängt, wird durch die allgernein gültige Tatsache bewiesen, daß, wo
die Arbeit und das Kapital arn produktivsten sind, der Zinsfuß am
niedrigsten ist. Daß derselbe andererseits nicht von den Löhnen (oder dem
Kostenpreis der Arbeit) abhängt, nicht fällt wie die Löhne steigen und
nicht steigt wie sie fallen, wird durch die allgemein gültige Tatsache be
wiesen, daß der Zinsfuß hoch ist, wann und wo die Löhne hoch sind
und niedrig, wann und wo sie niedrig sind.
fangen wir mit dem Ansang an. Die Natur und die Funktionen
des Kapitals sind schon genugsam dargelegt worden, doch wollen wir
selbst aus die Gefahr, einer Abschweifung geziehen zu werden, die Ur
sache des Zinsfußes festzustellen suchen, ehe wir sein Gesetz betrachten.
Denn nicht bloß, daß dies unsere Untersuchung fördern wird, indem
wir dadurch den vorliegenden Gegenstand klarer und fester erfassen,
es kann uns auch zu Schlüssen führen, deren praktische Wichtigkeit später
ersichtlich werden wird. _
Was ist der Grund und die Rechtfertigung des Zinses? Warum
uruß der Borger dem Darleiher mehr zurückzahlen als er erhält? Diese
fragen verlohnen die Beantwortung, nicht bloß ihrer spekulativen,
sondern auch ihrer praktischen Wichtigkeit wegen. Das Gefühl, daß
die Zinsen ein Raub an der Lrwerbstätigkeit seien, ist weitverbreitet
und im Zunehmen begriffen und zeigt sich aus beiden Seiten des Atlan
tischen Ozeans mehr und mehr in der populären Literatur und Agitation,
^ie Nationalökonomen gewöhnlichen Schlages behaupten, es bestehe
kein Konflikt zwischen Arbeit und Kapital und bekämpfen alle Pläne,
den Lohn, den das Kapital erhält, zu beschränken, als der Arbeit ebenso
schädlich als dem Kapital; dennoch wird in denselben Werken die Doktrin
aufgestellt, daß die Löhne und Zinsen zueinander im umgekehrten Ver
hältnis stehen, und daß die Zinsen niedrig oder hoch sind, je nachdem
die Löhne hoch oder niedrig sind*). Ist diese Lehre richtig, so ist es
klar, daß der einzige Einwand, welcher vom Standpunkt des Arbeiters
aus logischerweise gegen die Pläne, den Zinsfuß herunterzusetzen,
gemacht werden kann, der ist, daß diese Pläne keinen Bestand haben
würden, was offenbar ein sehr schwacher Boden wäre, so lange die
Ansichten von der Allmacht der Gesetzgebung noch so weitverbreitet
sind; und wenn auch dieser Einwand dazu dienen mag, irgendeinen
speziellen Plan auszugeben, wird er doch nicht hindern, daß man nach
einem anderen sucht.
Weshalb besteht der Zins? Der Zins, so werden wir in allen
Büchern der herrschenden Richtung belehrt, ist der Lohn der Lnthalt-
wwkeit. Aber offenbar gibt dies keine ausreichende Erklärung. Die
Enthaltsamkeit ist keine aktive, sondern eine passive Eigenschaft; sie
*) Dies wird tatsächlich vom Gewinn behauptet, aber mit der klaren Bedeutung
0n Erträgnissen fc e5 Kapitals.