Full text : Fortschritt und Armut

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Einleitung.

lokalen  Ursachen  ihren  Grund  haben,  sondern  auf  eine  oder  die  andere
weise  durch  den  Fortschritt  selbst  erzeugt  werden.  *>
Und  so  unliebsam  das  Geständnis  sein  mag,  es  wird  zuletzt  augenscheinlich, ­
  daß  die  enorme  Vermehrung  an  produktiver  Kraft,  welche
das  jetzige  Jahrhundert  kennzeichnet,  und  die  in  immer  beschleunigterem
Verhältnisse  zunimmt,  keineswegs  dazu  beiträgt,  die  Armut  auszurotten ­
  oder  die  Last  derer  zu  erleichtern,  die  zu  arbeiten  gezwungen
sind.  Sie  erweitert  bloß  den  Abstand  zwischen  reich  und  arm  und  macht
den  Kampf  ums  Dasein  schärfer.  Die  lange  Reihe  von  Erfindungen
hat  die  Menschheit  mit  Kräften  ausgestattet,  welche  die  kühnste  Einbildung ­
  vor  einem  Jahrhundert  sich  nicht  hätte  träumen  lassen.  Aber
in  Fabriken,  wo  die  arbeitersparenden  Maschinen  ihre  wunderbarste
Entwickelung  erreicht  haben,  sind  Kinder  bei  der  Arbeit;  wo  immer
die  neuen  Kräfte  ganz  ausgenutzt  werden,  müssen  große  Klassen  der
Bevölkerung  durch  die  Wohltätigkeit  erhalten  werden,  oder  sind  immer
nahe  daran,  derselben  zur  Last  zu  fallen;  inmitten  der  größten  Anhäufungen ­
  von  Gütern  sterben  Menschen  vor  Hunger,  und  saugen  schwächliche ­
  Kinder  an  trockenen  Brüsten;  und  allenthalben  beweisen  die  Sucht
nach  Gewinn,  die  Anbetung  des  Reichtums  die  Macht  der  Besorgnis
vor  Mangel.  Das  Land  der  Verheißung  flieht  vor  uns  gleich  einer
Kata  mor^Lna.  Die  Früchte  vom  Baum  der  Erkenntnis  werden,  sobald
wir  sie  berühren,  zu  Sodom-Äpfeln,  die  in  Staub  zerfallen.
Es  ist  wahr,  daß  der  Reichtum  außerordentlich  vermehrt  und  der
durchschnittliche  Grad  von  Komfort,  Muße  und  Verfeinerung  erhöht
worden  ist;  aber  diese  Gewinne  sind  keineswegs  allgemein.  Die  unterste
Klasse  hat  keinen  Teil  daran.*)  Ich  meine  nicht  daß  die  §age  derselben
nirgends  oder  in  nichts  etwas  besser  geworden  sei,  sondern  daß  nirgends
eine  Besserung  stattgefunden  hat,  welche  auf  die  vermehrte  Hroduktivkraft
  zurückgeführt  werden  könnte.  Ich  meine,  daß  der  Einfluß  des
sogenannten  materiellen  Fortschritts  in  keiner  weise  dazu  beiträgt,
die  Lage  der  untersten  Klasse  in  den  wesentlichsten  Erfordernissen  eines
gesunden,  glücklichen  Lebens  zu  verbessern,  ja  noch  mehr;  ich  glaube,
daß  derselbe  dahin  zielt,  die  Lage  derselben  zu  verschlimmern.  Die
neuen  Kräfte,  so  erhebend  sie  von  Natur  sind,  wirken  auf  das  soziale
Gebäude  nicht  von  unten  auf,  wie  lange  gehofft  und  geglaubt  wurde,
sondern  treffen  dasselbe  mehr  in  der  Mitte.  Sie  sind  einem  ungeheuren
Keile  vergleichbar,  der  nicht  von  unten  auf,  sondern  mitten  durch  die
Gesellschaft  getrieben  wird.  Diejenigen,  die  sich  über  dem  Trennungspunkte
befinden,  werden  erhöht,  aber  die,  welche  darunter  sind,  niedergedrückt.

*)  Ls  ist  wahr,  daß  die  Ärmsten  heutzutage  in  mannigfacher  weise  genießen,
was  den  Reichen  vor  ;oo  Jahren  nicht  zu  Gebote  stand,  aber  dies  beweist  keine  Verbesserung ­
  der  Lage,  so  lange  die  Fähigkeit,  sich  die  notwendigsten  Lebensbedürfnisse
zu  verschaffen,  nicht  zugenommen  hat.  Der  Bettler  der  großen  Stadt  mag  sich  mancher
Dinge  erfreuen,  die  dem  fernen  Ansiedler  nicht  zu  Gebote  stehen,  aber  das  beweist  nicht,
daß  die  Lage  des  städtischen  Bettlers  besser  sei  als  die  des  unabhängigen  Ansiedlers.
            
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