Full text : Fortschritt und Armut

Kap.  III.

Der  Lohn  wird  nicht  dem  Kapital  entnommen.

57

sächlich  aber  beschaffen  sich  die  Arbeiter  ihr  Frühstück  und  die  Kleider,
nrit  welchen  sie  auf  Arbeit  gehen,  in  der  Regel  selbst,  und  eine  weitere
Tatsache  ist,  daß  das  Kapital  sin  dem  5inne,  in  welchem  das  Mort
im  Gegensatz  zur  Arbeit  gebraucht  wird)  in  Ausnahmefällen  wohl
gewillt,  aber  niemals  gezwungen  ist,  den  Arbeitern  Vorschüsse  zu  leisten,
ehe  die  Arbeit  begonnen  hat.  Unter  der  ungeheuren  Zahl  unbeschäftigter ­
  Arbeiter  in  der  ganzen  zivilisierten  Welt  ist  vielleicht  nicht  ein
einziger,  der,  wenn  er  arbeiten  will,  nicht  auch  ohne  Lohnvorschuß
zu  bekommen  wäre.  Lin  großer  Teil  würde  zweifelsohne  gern  zu
Bedingungen  arbeiten,  die  eine  Lohnzahlung  nicht  vor  Schluß  des
Monats  erfordern  würden;  nur  wenige  würde  es  geben,  die  nicht  in
gewohnter  Weise  bis  Ende  der  Woche  auf  ihren  Lohn  warten  wollten,
aber  sicherlich  würde  keiner  darunter  sein,  der  nicht  bis  zum  Lnde  des
Tages  oder  wenigstens  bis  zur  nächsten  Essenszeit  warten  würde.  Die
genaue  Zeit  der  Lohnzahlung  ist  unwesentlich,  die  Hauptsache  —  der
Punkt,  auf  den  ich  das  Hauptgewicht  lege  —ist,  daß  sie  nach  der  Leistung
der  Arbeit  erfolgt.
Die  Lohnzahlung  involviert  somit  stets  die  voraufgehende  Arbeitsleistung. ­
  Was  aber  bedeutet  die  Arbeitsleistung  in  der  Produktion?
Augenscheinlich  die  pervorbringung  von  Gütern,  die,  wenn  sie  umgetauscht ­
  oder  zur  Produktion  verwendet  werden  sollen,  Kapital  sind.
Deshalb  setzt  die  Zahlung  von  Kapital  im  Lohn  eine  Produktion  von
Kapital  durch  die  Arbeit  voraus,  für  welche  der  Lohn  gezahlt  wird.
Und  da  der  Arbeitgeber  gewöhnlich  einen  Gewinn  erzielt,  so  ist  bic
Lohnzahlung,  sofern  er  in  Betracht  kommt,  nur  die  Erstattung  eines
Teils  des  Kapitals,  das  er  durch  die  Arbeit  gewonnen  hat,  an  den  Arbeiter. ­
  Sofern  der  Arbeiter  in  Betracht  kommt,  ist  die  Lohnzahlung
nur  der  Empfang  eines  Teils  des  Kapitals,  welches  feine  Arbeit  vorher
geschaffen  hat.  Da  der  als  Lohn  gezahlte  Betrag  somit  für  einen  durch
die  Arbeit  erzeugten  wert  ausgetauscht  wird,  wie  kann  da  gesagt  werden,
daß  der  Lohn  aus  dem  Kapital  entnommen  oder  von  demselben  vorgeschossen ­
  werde?  Da  im  Austausch  von  Arbeit  gegen  Lohn  der  Arbeitgeber ­
  das  durch  die  Arbeit  erzeugte  Kapital  stets  eher  bekommt,  als  er
Kapital  im  Lohn  auszahlt,  zu  welchem  Zeitpunkte  ist  da  sein  Kapital
auch  nur  vorübergehend  vermindert?*)

*)  Ich  rede  der  größeren  Klarheit  wegen  nur  von  der  kapitalerzeugenden  Arbeit.
Die  Arbeit  schafft  stets  Güter  (die  Kapital  sein  können  oder  nicht)  oder  leistet  Dienste,
und  die  Fälle,  in  denen  nichts  erzielt  wird,  sind  bloße  Ausnahmen  infolge  unglücklicher
Zufälle,  wo  der  Zweck  der  Arbeit  nur  die  Befriedigung  eines  Bedürfnisses  des  Arbeitgebers ­
  ist,  wie  z.  B.  wenn  ich  einen  Illann  annehme,  um  mir  die  Stiefel  putzen  zu  lassen,
zahle  ich  den  Lohn  dafür  nicht  aus  einem  Kapital,  sondern  aus  Gütern,  die  ich  nicht  zu
produktiven  Zwecken,  sondern  zur  Konsumtion  für  mich  selber  bestimmt  habe.  Selbst
wenn  die  so  gezahlten  Löhne  als  aus  dem  Kapital  entnommen  betrachtet  werden,  gehen
sie  durch  jene  Handlung  aus  derKategorie  des  Kapitals  in  die  Kategorie  der  zum  Konsum
des  Besitzers  bestimmten  Güter  über,  gerade  als  wenn  ein  Zigarrenhändler  aus  seinem
Lager  ein  Dutzend  Zigarren  nimmt  und  sie  zum  eigenen  Verbrauch  in  die  Tasche  steckt.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.