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Dichtung.
der Dramen Maeterlincks genauer zu reden sein; die Möglich—
keiten ihrer Durchbildung in der Kunsterzählung spiegelt wohl
die Entwicklung Helene Böhlaus am mannigfaltigsten wieder.
Helene Böhlau, 1859 zu Weimar geboren, hat sich in weitere
litterarische Kreise zuerst mit den prächtigen, humordurchwirkten
„Ratsmädelgeschichten“ eingeführt. Klar, aber noch maßvoll
zu Tage getreten aber war ihr Symbolismus bereits in dem
„Schönen Valentin“ (1886): denn schon auf dieses Werk paßt
in prägnantem Sinne die Begriffsbestimmung, die sie von der
Dichtung gegeben hat: „Poesie ist ein Beiseiteschieben des gewohn—
heitsmäßigen Schauens, durch welches man mit Bewußtsein und
Kraft eine uns vertraute Erscheinung zum ersten Male voll
genießt.“ Später aber ist sie in der symbolistischen Umdeutung
lebensvoller Wirklichkeit weiter gegangen; im „Rangierbahn—
hof“ (1896) wirkt bereits alles Greifbare, jede konkrete Er—
scheinung nur als Statthalter noch von Korrelaten einer
höheren, tieferen und reineren Welt, die hinter den Dingen
wogt und waltet. Und in „Adam und Eva“ oder „Halbtier“
(1899) vollzieht die Dichterin dann den Ubergang vom Sym⸗
bolischen ins fast allein Allegorische; und die Heldin des Romans
erscheint ihr „als der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des
geistesberaubten, unentwickelten Geschöpfes, dem alles geboten
werden darf, das alles hinnimmt“. Natürlich verschwindet,
je mehr die Allegorie eintritt, um so mehr jede Charakter—
zeichnung, und die Personen werden Schemen, Gestelle mit
darüber drapierten Begriffen. Zugleich sinkt die Kraft der
realistischen Schilderung, und an ihre Stelle tritt eine „groß—
artig stilisierte Kunstprosa voll prächtiger Einzelheiten“ (Meyer).
Mit der vollen Entfaltung der psychologisch- oder gar
neurologisch-symbolistischen und schließlich allegorisierenden Er—
zählung ist einer der Pole moderner psychologischer Erzählungs—
kunst erreicht. Hinter der Erzählung tritt hier schließlich der
Erzähler immer mehr mit seinen Stimmungen und seinen
Hoffnungen, seinem Glauben und seinem Zweifel hervor: nicht
zufällig sind die letzten und äußersten Erzeugnisse dieser Richtung
fast nur noch subjektive Bekenntnisse der Dichter und noch