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„Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
der Aussage „Der Leser liest diese Zeilen“ berufen sich alle ihre
Elemente einträchtig auf jenen Begriff von „lesen“, als einer besonderen
Art, wie man von Mitgeteiltem Kenntnis erhält, welcher Begriff für
sich selber also eitel Zusammenhang ist. Der „Leser“ ist ausdrücklich
als der „Blickende“ und damit „Kenntnis Erhaltende“ gedacht, wie
immer er zugleich auch das anschaulich Vorgestellte sein mag. Die
Zeilen wieder sind als ein Mittel der Kenntnisnahme begrifflich gedacht.
So erscheinen als Elemente der Aussage durchaus Denkgebilde, die
gleichsam das Denken jenes Zusammenhanges erst aus sich entläßt.
Hier ist also der Zusammenhang — als „lesen“ wiedergegeben — in
der Aussage das Primäre; er ist nicht etwas dem vorher Gedachten
nachträglich Prädiziertes, sondern erscheint unmittelbar in unser Denken
übernommen. Umgekehrt ist es bei der Aussage B. Auch B gibt,
der Natur unseres Denkens gemäß, einen Zusammenhang wieder; von
diesem sind aber die Elemente der Aussage völlig unabhängig. Es
sind die „Augen“ als etwas ganz für sich Erfaßliches in Bewegung ge
meint; diese „Bewegung“ bezieht sich auf die „Zeilen“ so, daß auch
die letzteren als das für sich Erfaßliche gemeint sind, und selbst für
den Relationsbegriff „Blickpunkt“ gilt ein gleiches. Er ist wohl ein
Mittel, die Relativität der Augenbewegung gegenüber den Zeilen als den
hier gemeinten Zusammenhang auszusagen, ist aber von dem letzteren
unabhängig das für sich Erfaßliche. So ist hier das Zusammenhängende
in seiner Mannigfaltigkeit das Primäre, der Zusammenhang aber, als
etwas Prädiziertes, ist das Sekundäre.
Damit legt uns schließlich der Nachweis, wie verträglich unsere
Ergebnisse mit der Annahme eines anschaulichen Zusammenhangs im
Erlebten sind, auch die erkenntnistheoretische Deutung der
ganzen Sachlage zum Greifen nahe. In der Absicht begrifflichen
Denkens über die Wirklichkeit können wir deshalb in
doppelter Weise Stellung zur Wirklichkeit nehmen, weil es uns frei
steht, das Erlebte entweder seinem anschaulichen Zusammen
hang nach oder seiner anschaulichen Mannigfaltigkeit
nach umzusetzen in begrifflich Gedachtes. Hier dazwischen bleibt
uns die Wahl frei, die letztere selber ist uns aber aufgezwungen. Unser
begriffliches Denken vermag das Gegebene immer nur in der einen
oder in der anderen Weise zu bewältigen. In solchem Sinne trennen
sich zwei grundsätzlich verschiedene Denkweisen: die
Aussage A entspricht der einen, die Aussagen B und C der anderen.
Geschieht es der anschaulichen Mannigfaltigkeit nach, daß
unser begriffliches Denken sich des Erlebten zu bemächtigen sucht,
dann ist es schlecht und recht das Sein der Wirklichkeit, was in