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Ein typischer Irrtum verbindet Gesell mit den Arbeitsgeld-
theoretikern: sie verwechseln Währung (Nennwert) und Kauf-
kraft! Gesell und alle seine Anhänger, die sich einbilden, eine
„absolute Währung“ schaffen zu können (vergl. hierzu namentlich
die so betitelte Schrift von Theodor Christen), sind ihm unter-
legen. Grundsätzlich — es handelt sich ja hier immer nur um
das Grundsätzliche, Letztliche — gibt es jedoch bei dieser Frage
eben nur das Entweder-Oder der Gegenpole Verkehrs-(Geld-)
und Verwaltungs-(Natural-)wirtschaft. Wie alle Arbeitsgeldtheo-
retiker, so schlagen auch die Freigeldmänner das Kompromiß der
„Geld-Verwaltung“ vor; ein Gedanke, der in dem geplanten
Ausmaß nicht verwirklicht werden kann, weil die Durchführung
von zwei Voraussetzungen abhängt, die grundsätzlich einander
entgegenwirken: der marktmäßigen und der taxatorischen Fest-
stellung des gesellschaftlichen Wertes aller Austauschobjekte, der
freien und der gebundenen Preisbildung. Man glaubt dem Geld
seine verkehrswirtschaftliche Eigenart nehmen, seinen privatwirt-
schaftlichen Mißbrauch verhindern zu können, indem man die Preise
festlegt; man übersieht aber dabei, daß ein wirtschaftlich einwand-
freier Ansatz von Preistaxen erst in einem Stadium erreicht werden
kann, wo nicht nur der falsche, sondern jeder Gebrauch von Geld
sich erübrigt, insofern als dieses nämlich infolge der veränderten
Preisgestaltung zur Naturalanweisung geworden ist. Durch
währungspolitische Maßnahmen die Nutzung der Kaufkraft fest-
legen oder gar die Marktpreise bestimmen zu wollen, heißt recht
eigentlich das, Pferd am Schwanze aufzäumen.
Dies letztere Urteil bezieht sich ebenso wie auf die Freigeld-
bewegung auch auf die Gesell nahe stehenden Geldsteuertheo-
retiker Johannsen und Harburger.
ı. Johannsen ist Gesell sowohl nach der wissenschaftlichen
Leistung wie in seinen praktischen Vorschlägen bedeutend überlegen.
Die Kritik, die er selbst an Gesells Lehren übt, schlägt in allen
Punkten durch. Er wirft ihm insbesondere die Einseitigkeit in der Beurteilung
der Preisbildung vor: „Als ob die Preise einzig vom Geldvolumen abhingen !
Als ob nicht in ein und demselben Lande scharfe Schwankungen der Index-
ziffern vorkämen bei fast unverändertem Geldvolumen‘‘ (S. 212)! Und prak-
tisch hält Johannsen es für nicht ausgeschlossen, daß die Gesellsche
Freigeldwirtschaft durch ‚‚Geldsubstitute, z. B. Schecks für 5 oder 10 Mk.
von renommierten Häusern‘ durchbrochen wird.
Gemeinsam mit Gesell hat er den Gedanken, durch eine
fortdauernde Entwährung (Devalvierung) die gesellschaftswirt-