230 Zwolftes Buch. Zweites Kapitel.
erfüllt denken. Und nicht bloß die Krämer riefen aus; auch
die Weinhäuser und Bierstuben hatten ihren Wein- oder Bier—
rufer, der vor der Pforte neben der aufgesteckten Strohwiffe,
dem uralten Zeichen des besonderen Hinweises, die Güte der
verzapften Getränke pries.
Natürlich bedurfte ein unter so starken Impulsen ver—
laufendes Straßenleben einer kräftigen polizeilichen Regelung.
Schon früh wurde die innere städtische Polizei in eine Hand
gelegt; in einzelnen Städten stand ihr der Schultheiß vor, in
anderen ein Ratsherr als Meister von der Gewalt. Diese
Oberbehörde hatte den Befehl über eine größere Anzahl von
Gewaltboten, die bei besonderen Gelegenheiten, wie bei Tur—
nieren, Ratstanz, Anwesenheit vornehmer Gäste, noch durch
geworbene Bürger verstärkt wurden. Auch die besondere Ab—
sperrung des Publikums kannte man schon, damit die Herren
vom Volke nicht verdrängt würden. Besonders ausgedehnt
wurde der polizeiliche Schutz in der Nacht. Nicht selten dienten
hier die jungen Söhne der Geschlechter beritten als Nachtwächter;
stets war ein besonderer Patrouillendienst eingerichtet. Man
begreift diese Maßregeln doppelt, wenn man die unverhältnis—
mäßig große Anzahl von nächtlichen Aufläufen, wovon die
Quellen reden, in Betracht zieht, und wenn man erwägt, daß
bei dem Dunkel der Nacht — noch gab es höchstens an Brücken
Laternen, denen meist fromme Stiftungen zu Grunde lagen —
und bei der Enge der staatlichen Verhältnisse jeder solcher Auf—
lauf einen revolutionären Charakter annehmen konnte. Darum
suchte man auf jede Weise Zusammenrottungen im Dunkel zu
verhindern. Mit Beginn der Dämmerung wurden die belebtesten
Straßen durch Ketten gesperrt, zu deren Bewachung besondere
Posten in Kettenhäuschen dienten; meist schon um 9 Uhr be—
gann die Polizeistunde: wer nach dieser Zeit ohne Laterne auf
der Straße betroffen ward, der wurde verhaftet, mußte in
unserer Herren vom Rate Turm gehen. Es entsprach diesem
Verfahren, wenn man gegen alle Strolche und Stromer streng
vorging. Namentlich suchte man hier die Fühlung des
städtischen Pöbels mit dem ländlichen Vagabondentum zu durch—