Object: Tote und lebendige Wissenschaft

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Der gemäßigte Kapitalismus ist seiner Natur nach eine 
Übergangsform. Als Übergangsform und Entwicklungs 
stadium ist er wirklichkeits- und lebensfördernd, gleichwie ein 
Fieber zur Überwindung von Krankheitsstoffen führt; als 
Dauerform ist er utopisch, weil er nur auf dem Boden ständischer 
Bindung lebensfähig ist und nur von dem ererbten Schatze 
ständischer Bindungen zehren kann. 
Wenn der staatlich überwachte und beeinflußte Kapitalis 
mus rasch in neue körperschaftlich-ständische Gliederungen und 
Bindungen übergeht, wie sie den geistig veränderten Lebens 
zuständen der Gesellschaft entsprechen, dann gereicht er zum 
Segen, wenn nicht, so führt er zur Zerstörung. 
Nach der bisherigen Meinung wäre der „gemäßigte Ka 
pitalismus" als eine verkehrswirtschaftliche Wirtschaftsordnung 
im individualistischen Sinne zu begreifen und wäre da 
mit die geschichtliche Möglichkeit und Lebensfähigkeit 
individualistisch-atomistischer Wirtschaft bewiesen, in welcher 
der Einzelne auf eigene Faust wirtschaftete, wenn 
auch seine Wirtschaftshandlungen da und dort eingeschränkt, 
seine Freiheiten gemäßigt würden. Das heißt, der heutige 
Kapitalismus wäre geschichtlich verwirklichte, aber allerdings 
nicht zu völlig reiner Gestaltung gekommene indivividualistische 
Verkehrswirtschaft! —Wenn dies der Fall wäre, dann müßte 
es ja erreicht werden können, aus einem rein chaotischen, 
utopischen Wirtschaftsdurcheinander durch gewisse Ordnungen 
und Bindungen eine Gestalt, gleichsam aus dem Urgemenge, 
zu schaffen. Das Gegenteil ist der Fall. Der sog. „Kapita 
lismus" besteht niemals als solcher, sondern 
begrifflich wie geschichtlich ist er nur auf 
Grund einer Auflockerung vorhandener 
ständischer Gliederungen möglich, wie wir schon 
in einem anderen Zusammenhange (oben S. 9f.) feststellten. 
Er ist wohl in hohem Maße eine individualistisch-atomistische
	        
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