Full text : Die Frau und die Arbeit

O LIVE  SCHREINER  ist  jetzt  in  London,“  sagte  mir
vor  einigen  Wochen  eine  befreundete  Schriftstellerin,
„da  können  Sie  Ihre  alte  Sehnsucht  stillen  und  die  Dichterin ­
  bei  mir  sehen.“
Ich  möchte  sie  sehr  gerne  sehen,  die  unvergleichliche  und
unverglichene  Vorkämpferin  der  Frauenbefreiung,  der  wir
die  gedankenvollen  „Dreams“,  die  phantasievolle  und  dabei
so  holländisch-derbe  Erzählung  aus  dem  Leben  der  Bauern
in  Südafrika  „The  Story  of  an  African  Farm“,  dann  die  wie
aus  Erz  gegossene  unvergeßliche  Gestalt  des  Reiters  „Peter
Halket  of  Mashonaland“,  endlich  das  vorliegende  Werk  verdanken. ­
  Aber  ich  bin  klüger  geworden  im  Laufe  der  Jahre
und  habe  weise  Enthaltsamkeit  gelernt:  mein  Idealbild  von
Olive  Schreiner  soll  mir  durch  die  irdische  Unvollkommenheit ­
  ihrer  wirklichen  Erscheinung  nicht  entheiligt  werden.
Olive  Schreiner,  die  Tochter  eines  deutschen  Pastors  und
einer  englischen  Mutter,  ist  auf  dem  „Veldt“  Südafrikas
aufgewachsen  und  hat  den  Kampf  der  Rassen  und  Klassen
in  seiner  unverhülltesten  Nacktheit  gesehen.  Eine  solche
Umgebung  läßt  in  der  Seele  keinen  Raum  für  so  schwächliche ­
  Dinge  wie  Geschmack  und  Umschreibung.  Olive
Schreiner  nennt  die  Dinge  beim  rechten  Wort;  sie  ist  in
ihrer  Kunst  so  realistisch  wie  nur  irgendein  alttestamentlicher
  Prophet.  Kommt  zu  solch  unbestechlicher  Wahrheitsliebe ­
  noch  Naturgefühl  und  visionäre  Einbildungskraft  hinzu, ­
  so  gibt  das  Werke  von  der  Art  des  „Peter  Halkett“‘  —  überzeugendste ­
  Menschendarstellung  im  Rahmen  stimmungsvoller ­
  Landschaft  und  erfüllt  vom  Geiste  apostolischer  Sendung. ­
  Olive  Schreiner  schrieb  vor  dem  Ausbruch  des  Burenkrieges ­
  gegen  die  Unmenschlichkeit,  mit  der  die  Engländer
in  Südafrika  hausten,  gegen  das  ganze  System  der  englischen ­
  Besiedelungspolitik.  Sie  wurde  nicht  gehört.  Da
kehrte  sie  zu  ihrem  alten  Gegenstand,  der  Frauenfrage  zurück, ­
  der  alle  ihe  Gedanken  durch  mehr  als  zwei  Jahrzehnte
gehört  hatten.  Ihr  Werk  war  fertig  —  ins  Reine  geschrie ­
            
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