Full text : Die Frau und die Arbeit

47

selbe.  Es  ist  der  Typus  der  „feinen  Dame“,  des  weiblichen
Parasiten,  der  tödlichsten  Mikrobe,  die  auf  der  Oberfläche
irgendeines  sozialen  Organismus  auftreten  kann.*  Wo  immer
in  der  Geschichte  der  Vergangenheit  dieser  Typus  seine
volle  Entwicklung  erreicht  hat  und  die  Masse  der  Frauen
einer  herrschenden  Rasse  oder  Klasse  ihn  angenommen
hat,  war  dies  die  Ankündigung  des  Verfalls.  In  Assyrien,
Griechenland,  Rom,  Persien,  sowie  heute  in  der  Türkei
haben  dieselben  materiellen  Bedingungen  dieselben  sozialen ­
  Übel  unter  den  wohlhabenden  und  herrschenden  Klassen ­
  hervorgebracht,  und  wieder  und  wieder,  wo  derartig
affizierte  Völker  in  Berührung  mit  gesünder  beschaffenen
kamen,  hat  dieser  krankhafte  Zustand  zu  ihrem  Untergang
beigetragen.
Im  antiken  Griechenland,  zur  Zeit  seiner  wundervollen,
mannhaften  Jugend,  waren  die  Frauen  reichlich  und
selbst  überreichlich  mit  Arbeit  versehen.  Nicht  allein  die
Masse  der  Frauen,  sondern  auch  Königinnen  und  Fürstentöchter ­
  sehen  wir  zum  Brunnen  gehen,  um  Wasser  zu  tragen, ­
  im  Flusse  die  Wäsche  waschen,  Nahrung  und  Arzneien ­
  für  den  Haushalt  bereiten,  die  Kleidung  für  ihre
Angehörigen  anfertigen  und  selbst  einen  Teil  der  höchsten ­
  gesellschaftlichen  Ämter  als  Priesterinnen  und  Prophetinnen ­
  ausüben.  Dem  Schoße  solcher  Frauen  sind  die
Geschlechter  von  Helden,  Denkern  und  Künstlern  ent* ­
  Der  Zusammenhang  des  allgemeinen  weiblichen  Parasitismus  mit  dem
speziellen  Phänomen  der  Prostitution  ist  von  fundamentaler  Bedeutung.
Man  kann  sich  nicht  eingehend  mit  dem  Problem  der  Prostitution  weder
vom  moralischen  noch  vom  wissenschaftlichen  Standpunkt  aus  befassen,
ohne  dessen  Zusammenhang  mit  dem  allgemeinen  Phänomen  des  weiblichen ­
  Parasitismus  voll  zu  erkennen.  Der  Mangel  dieser  Erkenntnis  ist
es,  der  so  oft  das  peinliche  Gefühl  des  Unreifen  hinterläßt,  wenn  man
die  meisten  modernen  Äußerungen  über  die  Frage,  sei  es  vom  Gefühlsstandpunkt ­
  des  Moralreformers  oder  vom  Intellektstandpunkt  des  wissenschaftlich ­
  sein  Wollenden,  mit  anhört.  Man  hat  die  Empfindung,  daß  sie
sich  mit  der  Sache  wohl  befassen,  sie  aber  nicht  erfaßt,  sie  nicht
an  der  Wurzel  gepackt  haben.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.